Für ein Theater nach dem Projekt 7/2012

07.07.12


(Theater) Nach dem Projekt | Vierte Welt 

Im November 2010 hat sich auf Initiative der Schauspielformation Lubricat die VIERTE WELT  – Kollaborationen – in Berlin am Kottbusser Tor im NZK -Neues Zentrum Kreuzberg- gegründet. Die Vierte Welt ist der Versuch, einen selbstorganisierten Zusammenschluss von Künstlern, für eine neue kollaborative Praxis voranzutreiben. Wir sehen uns dabei einer neuen Politik der Emanzipation verpflichtet. 

Wir versuchen einen ORT zu kreieren, in dem kooperative Produktionspraktiken und -konzepte erfunden werden, die von einer Praxis des Austausches, der Verständigung und des Zusammenschlusses getragen sind. Ein gemeinsamer Produktionsraum/verhältnis setzt voraus, dass wir unsere Arbeit nicht von der Totalität des singulären ästhetischen Konzepts -Kunstwerk- her denken, sondern von den Rändern unserer Arbeit, an denen wir uns mit anderen Künstlern, Genres, Zuschauern, Spezialisten des Alltags und der Wissenschaft verbinden können. Aus dieser Idee versuchen wir Formen der Präsentation (Aufführung) zu entwickeln, in denen die Trennung vom Raum des Zuschauers und dem, der Präsentation aufgehoben wird. Die Vierte Welt versteht sich in diesem Sinne als theatraler Denkraum.

Das NKZ ist ein Block mit 1200 Bewohnern aus über 36 Nationen, der Anfang der 70er Jahren im Geiste einer Utopie von der modernen autogerechten Stadt errichtet wurde und als sozialer Brennpunkt zum Fanal für eine verfehlte und korrupte Stadtpolitik geworden ist. Wir suchen mit unserer Arbeit in der Vierten Welt eine konkrete und aktive Beziehung zu der sozialen und politischen Situation des NKZ zu formulieren. 


Wir versuchen uns mit der Vierten Welt neu zu erfinden, in dem wir eine Idee formulieren, die unsere Praxis antreibt, ihr Maxime setzt und als Korrektiv fungiert. Das sich Idee und Praxis nicht decken, liegt in der Natur der Sache. Ansonsten würde es sich auch nicht um eine Idee handeln, sondern um bloßes Marketing. Die Idee ist die antreibende Kraft für die Transformation unserer künstlerischen Arbeit in dem Produktionszusammenhang eines Produktions- und Auführungsortes. In diesem Sinne versuchen wir uns sehr bewusst, in einer Dialektik von Theorie und Praxis. Wir glauben daran, dass (wieder) Orte behauptet werden müssen, um kollaborative Produktionsprozessen Raum zu geben. Prozessen, die nicht dem zur Ideologie geronnenen Versprechen des Rock‘n‘Roll auf moralische Freiheit und rastlose Mobilität gehorchen.  


Rekurs: Freies Theater - Projektavantgarde - Zukunft

Das Freie Theater hat sich seit Ende der 80 Jahre unter der Fahne des „freien Projekt-Machens” gegen die behäbigen und muffig gewordenen OFF Strukturen aus den 70er Jahren und gegen das institutionalisierte Theater herausgebildet. Die Projektarbeit wurde erfunden und im bereits abflauenden Existenz-Gründungs-rausch der Nach-Wende, wurden Orte wie z.B. die Sophiensaele, als einen der Projektarbeit angepassten Prototypen, eines Produktionshauses, entwickelt und begründet. 

Die Realität hat die Künstler Stück für Stück eingeholt, die Idee des Projekts ist heute sinnentleert. Das Projekt steht inzwischen für eine liberalisierte Ökonomie, in der sich, auf einem beschleunigten Markt, jeder gegen jeden, als individualisierter Konkurrent begegnet und platziert. Marke gegen Marke. Das Freie Theater als Projekt-Avantgarde, ist mit seiner Produktionsweise und in seinen Produktionsbedingungen zum identischen Spiegelbild der liberalisierten Ökonomie geworden, die in alle Ritzen des Lebens, der Gesellschaft und des Privaten eingedrungen ist und die Menschen durchformt. Ohne hier eine Antwort darauf geben zu wollen, stellt sich doch die Frage, wie wirkt dies auf die Theater-Kunst-Produkte- selbst? 

Ob wir wollen oder nicht, die Spielstätten sind die Börsen, an denen wir, die Unternehmer unseres künstlerischen Selbst, von denen, die sich zu den Agenten des Marktes aufgeschwungen haben -den Kuratoren- gehandelt werden. Wir erkennen uns, in unseren fragilen sowie prekären Arbeits- und Lebensbedingungen als ein Seismograph, in dem gesamtgesellschaftliche Entwicklungen vorweg genommen werden. Wir erkennen uns als soziales Problem, als Betroffenengemeinschaft und rufen mehr oder minder verzweifelt in den Äther der Realpolitik: Kunst ist (aber) wichtig! Vielfalt!


Beschränken wir uns auf die soziale Frage und Ausstattung von Räumen, generieren wir nur die immer gleiche Mängelliste und sind so, der Politik der Verteilung, des Sachzwangs und der leeren Kassen mehr oder minder defensiv ausgeliefert, ebenso wie den Gesetzen, der Konkurrenz, der Verwertung und des Erfolgs innerhalb einer mehr oder minder leer laufenden medialen Aufmerksamkeits-Ökonomie. 

Bleibt uns nur die gelenkige Adaption in eine quasi natürliche Re-Produktions- und Lebensrealität, oder können wir sie, aktiv, mit einem anderen Entwurf hintergehen und zu einer anderen, vielleicht utopischen, Zukunft hin aufschließen? Dies ist im Kern auch die Frage, die sich für unsere westlichen Gesellschaften am Ende des Wachstums stellt, eine Gesellschaft, die, wie einige meinen, bereits in der Katastrophe lebt.

Wie können neue Produktionszusammenhänge -nach dem Projekt- aussehen und entstehen? Was für konkrete Produktionsbedingungen, sprich zukünftige Produktions-Orte brauchen wir?

Wir glauben, Theater, als konkreter sozialer Produktionsort, verliert ohne das Versprechen auf ein anderes Leben, seine Kraft, das Andere sichtbar zu machen. In diesem Sinn, hat das Freie Theater immer versucht, aus einer Kritik der Gegenwart angemessene Produktionszusammenhänge zu erfinden und zu gestalten. So die kurze Geschichte des Freien Theaters seit Anfang der 70er Jahre: Aus der Institution heraus, zum OFF, zum Projekt und nun? Als Künstler-Prekariat zurück, in die neuen jungen Formate, mit denen die Institution Theater ihre Programme wie Weihnachtsgänse stopft? Oder ... ?


Was tun

Mit der Gründung der Vierten Welt, unternehmen wir einen neuen „Anlauf”, erklären unsere Unabhängigkeit und besinnen uns auf die emanzipatorischen Gründungsimpulse des Freien Theaters, und damit auf die unserer eigenen Arbeit und Geschichte. 

Die Vierte Welt versteht sich als ein von Künstlern selbst organisierte Produktionsplattform und Veranstaltungsort. Wir haben uns die Aufgabe gestellt, eine neue kollaborative Praxis -von INNEN- aus der eignen konkreten künstlerischen Arbeit heraus zu entwickeln. Und nicht über von AUSSEN gesetzte, sogenannte professionalisierte Produktionsbedingungen und einem vom AUSSEN gesetzten PROGRAMM. Unser PROGRAMM entwickelt sich sukzessive, aus einem dialektisch als Gesamtprozess gedachten Produktionsraum.


Wenn wir Theater bisher als eine Versuchsanordnung für Wirklichkeit verstanden haben, versuchen wir mit der Vierten Welt, diese Idee in einen neuen größeren Produktionszusammenhang zu transformieren, der sich gleichzeitig anderen Künstlern und Formationen öffnet und in dem wir uns mit ihnen, in einer kollaborativen Praxis verbinden. Das bedeutet auch, mit unterschiedlichen ästhetischen und formalen Ausdrucksmitteln und dramaturgischen Konzepten in den Austausch zu treten, um aus dem Inneren dieses neuen Produktionszusammenhangs ein gemeinsames PROGRAMM zu entwickeln. 

Wir wollen aus der gefühlten Enge und Entfremdung der Projektarbeit und seiner Dynamik, von Projekt zu Projekt zu hoppen, heraustreten, um einen kontinuierlichen und vielschichtigen Arbeitszusammenhang zu kreieren. Der nicht nur verbesserte Produktions- und Aufführungsbedingungen bietet, sondern der vor allem sehr viel stärker ermöglicht, die künstlerische Arbeit aus einem Kontinuum heraus zu denken und sie aus einem realen Bezug zu anderen Künstlern und deren Arbeit zu entwickeln.  

Ausgehend von der Aufgabe einer kritischen Aneignung von Wirklichkeit - die im Sinne Kants, nach unserer Aktualität fragt und sich dabei der Idee des Engagements und der Emanzipation verpflichtet fühlt, kann dieser neue Produktionszusammenhang für eine kollaborative Praxis nur gelingen, wenn wir uns öffentlich, transparent und beständig über ein verbindendes Selbstverständnis, gemeinsame Haltungen und einen Horizont von Intentionen verständigen. Dies schließt den aktiven und verantwortlichen Kern der Vierten Welt, die mehr oder weniger an die Vierte Welt angedockten Künstler wie auch das Publikum ein. 

Neben den ersten Kollaborationen in Stückentwicklungen, haben wir eine Reihe von kleinen Veranstaltungen durchgeführt, die wir bisher Kleine Formate nennen. Ihnen haben wir das Motto Sprechen, Lesen, Sehen vorangestellt. In diesen Veranstaltungen haben wir versucht, einen neuen Stil und Geist der Verständigung, des Sprechens und der Kollaboration zu etablieren. Diese Formate verstehen sich auch als offenes Angebot an Künstler in eine kollaborative Praxis einzutreten. 

Nach gut eineinhalb Jahren befinden wir uns mitten in der Aufbauphase. Es wird in den nächsten zwei Jahren darum gehen, den in diesem Konzept entwickelten Perspektiv- wechsel, mit der Vierten Welt als einen neuen Typus von Produktions- und Spielstätte zu etablieren.  


Der Raum | Die Dreifaltigkeit von Performance, Schrift und Bild

Das Zusammenfallen bzw. das Zusammendenken von Ästhetik und Politik im Konzept eines Theater-Raums ist die Frage, die uns bei der Vierten Welt als konkretem entkernten (Real)-Raum zentral beschäftigt. 

Dieser Raum mit vier Säulen im Zentrum und einer 15 Meter langen Fensterfront, setzt mit seiner fehlenden Zentralperspektive alle Theatergesetze per se ausser Kraft. 

Er ist ein Einheitsraum - Raum ohne Foyer, in dem Bühne und Zuschauerraum nicht mehr zu trennen sind. Er ist mit seiner guten Akustik völlig flexibel für die Bespielung und für die Platzierung der Zuschauer. Der Theater-Raum Vierte Welt hat immer den Charakter einer Installation in der neben der Live Performance/Spiel die folgenden Mitteln zur Verfügung stehen: Video, beschreibbare Wände (Schrift und Zeichnung, ab Sep. 2012) sowie Ton und Licht. Der Raum ist mit vergleichsweise geringem Aufwand, extrem unterschiedlich nutzbar und bietet sich von daher für eine flexible Nutzung (Wiederaufnahmen, Repertoire, kleine Formate, Film, etc.) an.  

Die fehlende Zentralperspektive ist der Kern eines Raum-Konzepts, die nur solange als Mangel erscheint, wie man eine klassische Bühnensituation wünscht. Der Zuschauer ist aufgerufen, sich aus seiner Position im Raum sein Theaterstück zusammen-zu-sehen und zusammen-zu-bauen. Der Zuschauer ist im besten Sinn des Wortes dezentriert. Endlich! Das vermeintlich Ganze des Werkes ist nicht mehr sichtbar. Theater kann sich so von den Gesetzen des Bühnenraums emanzipieren. Der Zuschauer ist nicht mehr Teil der fragwürdigen Gemeinschaft der Zuschauer. Der dezentrierte Zuschauer ist gefordert, sein Stück zu sehen.  Die Rezeption des Werkes ist in diesem Sinn radikal perspektivisch und das Ganze des Werkes bleibt immer verstellt. Oder anders gesagt, der Raum hat immer sein Geheimnis. Und Gottlob, das Theater muss nicht mehr behaupten, es könne die Welt zusammenhalten oder zusammenfügen.

Berlin, Juli 2012


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