Theorie | Stichwort IMPULSE 2016

24.03.16

Theorie

Der kulturelle Apparatus zeitgenössisches Theater ist schwer angereichert mit kritischem Diskurs und Theorie. Mit Kongress, Panel und Gesprächsrunden werden Aufführungen orchestriert. Oder umgekehrt. In diesem kleinen feinen Spiel der unendlich ausdifferenzierten und immer wieder beeindruckend klugen kritischen Konzepte und Entwürfe, reproduziert sich affirmativ das zeitgenössische Theater als Kulturinstitut. Die in seinem Inneren zirkulierenden Diskurse verursachen allerdings keinen ordentlich krachenden Kurzschluss mit dem eigenen optimierten Selbst oder mit Realität, so das wir drohen aus der Bahn geworfen zu werden, es zeitigen sich keine wirksame Effekte die einen Horizont (Zukunft) aufmachen und uns in ein anderes Werden stürzen lässt. Wir sind eingeschlossen. Das kann auch nicht anders sein. Die Produktion von Kritik und Diskurs ist in der Aufmerksamkeits- und Verwertungsökonomie aufgehoben -embedded- und ihrer Zeitordnung unterworfen - sie wird in ihr hervorgebracht und in der selben Bewegung affirmativ zu alternativloser Gegenwart vernebelt. So ist die Kritik in der zeitgenössischen Kunst bei allem Engagement und temporärer Erregung, Quelle einer wiederwilligen Unzufriedenheit und von drückender Leere. Peter Osborne beschreibt die zeitgenössische Kunst die “Forschungs- und Entwicklungsabteilung” der imperial ausgedehnten Gegenwart die damit nur Bestandssicherung und Nachlassverwaltung sein kann. 

Möchte man hier nicht so weitermachen und ist unwillig die kunstindustrielle Affirmation und die “Tätowierung des Horizonts” hinzunehmen müssen wir unsere künstlerische und kunstpolitische Praxis und Produktion ernsthaft befragen und zu Disposition stellen. Auch auf das Risiko hin, das wir darüber ins stammeln geraten. Wir sollten fürs erste darauf verzichten eine futuristische Ästhetik zu entwerfen oder eine weitere Drehung im kritischen Diskurs zu vollziehen. Wir sollten den künstlerischen Praktiken unsere Aufmerksamkeit widmen. Hier sind mutige Versuche gefragt. Den angebotenen Konsens-Modus verweigern und Dinge tun die sich verbieten. Wir raten zu ordentlichen Schnitten und Unterbrechungen damit offene, zappelnde Enden an unserem Apparatus entstehen, die wir zu Werkzeugen entwickelt können mit denen wir denken, spüren, ausprobieren - die es uns erlauben die Offenheit der Zukunft zu realisieren. Unvorhersehbar und selbstbestimmt.

Vierte Welt

Vergl. Stichworte | Imulse Theater-Festival 2013 - 2017 | Alexander Verlag | S. 63 | 2017

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