Kunstpolitische Einlassungen. Wir sind allein!

01.06.16


Der kleine programmatische Text, der dem Impulse Theater Festival 2016 unter dem Titel “Gesellschaftsspiele” vorausgestellt ist, stellt an seinem Ende die Fragen: “Wie kann das agonistische und provokante Potential von Theater entfaltet werden?” Und er gibt auch gleich eine Antwort: In Zeiten der Reaktion und des permanenten Krieges – willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir den Schädel ein – “geht es darum, Verhandlungs- und Debattenräume zu eröffnen, in denen Widersprüche nicht nur ausgehalten, sondern vor allem auch formuliert werden können”.

Offensichtlich sind wir im Angesicht der Welt nicht mehr zufrieden mit dem guten kritischen Theaterabend oder der aufregenden Performance. Das zynische Durchschnittssubjekt ist herauf und jeder Genozid, den Jahrestagen folgend, herunter inszeniert. Die Palette der kritischen Konzepte von Enjoy Poverty bis critical whiteness liegen säuberlich in Festival-packages vor uns aufgefächert. In unserer Not – die wir gern “künstlerische Krise” nennen – haben wir sogar angefangen Gesellschaft zu simulieren. Wir Künstler intervenieren, probieren gesellschaftliche Verfahrensweisen aus, lassen Experten des Alltags tanzen und rufen leichten Fußes dazu auf, gemeinsam den sozialen Muskel zu trainieren. Hier in der Kunst ist alles möglich. Selbst der Aufruf zu einer Künstlerinternationale im style des IV. Weltkongress der Komintern von 1922 wie unlängst im Berliner HAU geschehen. 

Doch bei allem kritischen Engagement führen alle Versuche doch kaum weiter als zu einem neuen Projekt. Denn etwas entscheidendes fehlt: Die Referenzgröße, die unsere Theater-Existenz begründet – die Gesellschaft – ist uns abhanden gekommen. Theater ist ein Produkt von Gesellschaftlichkeit. Es ist dort entstanden, wo der Bürger sich als politisches Subjekt formuliert hat, und einen politischen Raum schuf, in dem alle Bürger eingeschlossen waren.1) Aus seiner inneren Verwobenheit mit dem Gesellschaftskörper konnte das Theater provokant sein und eine agonistische Wirkung auf die Gesellschaft haben und ihren Körper in seltenen Momenten sogar bis zur Weißglut erregen. 

Mehr oder minder hilflos bemerken wir, dass wir ein Phantom adressieren. Das, was wir einmal Gesellschaft nannten, erscheint bestenfalls noch im Stadttheater in Gestalt des Silberwalds als geriatrische Restsumme. Die im Theater versprochene Wirkmächtigkeit der Kritik löst sich auf. Der Hinweis, dass es sich dabei nur um das scheiß-bürgerliche Theater gehandelt hat, appelliert dabei an Positionen aus den späten 60er Jahren, die zum Ressentiment geronnen sind. Den Untergang des bürgerlichen Theaters hatten sich die revolutionären Großväter von heute damals ganz anders vorgestellt, dies sollte zu ihrer Ehrenrettung angemerkt werden. Der immer wieder beklagte Bedeutungsverlust der Theaterkunst angesichts der Vielzahl neuer Medien ist nur Symptom. Die neuen Medien haben nicht den Platz des Theaters in der Gesellschaft eingenommen, genauso greift die Behauptung viel zu kurz, dass sich das Theater heute diesen Platz mit vielen anderen Medien zu teilen hätte. Jenen ursprünglichen Platz gibt es nicht mehr – der symbolische und politische Raum mit Namen Gesellschaft, in dem er eingebettet war, ist verschwunden. Mögen wir uns noch so anstrengen, die alten “Gesellschaftsspiele” zu simulieren. Aus und vorbei.

Das glückhafte Erreichen des A ranking am Kunst- und Kulturmarkt oder zu mindestens eines Plätzchens in seinem kurzen Schatten, vermag uns soweit zu stimulieren, dass wir diesen Umstand vergessen können. Die Befestigung der Grenze eines ästhetischen Raumes, zu dem nur der Zugang erhält, der willig ist, alle Erscheinungen in diesem präformierten Raum nach dessen Regeln zu verhandeln, ist eine der Optionen, die unter Zuhilfenahme von Stacheldraht, die von einer abwesenden Gesellschaft verursachten Phantomschmerzen lindert. In jedem Fall sind wir, bei Strafe der eigenen Unsichtbarkeit, aufgerufen, am Markt zu erscheinen und beinhart um die begrenzt vorhandene Ressource Aufmerksamkeit zu kämpfen. Wo in der liberalen Gesellschaft einmal der politische Raum der Gesellschaft war (auf der anderen Seite war der der Ökonomie) ist ein de-territorialisierender Strom der Kommunikation entstanden, dem wir durch geiles Marketing Herr werden wollen. Und das heißt jetzt, emphatisch verklärt: Gekonnt und professionell auf der Welle surfen; am besten, zu mindestens im Sinne des eingangs zitierten Wunsches nach “Provokation”, dort, wo das Marketing selbst zur performativen Kunst wird, wie z.B. in den Aktionen des Zentrums für politische Schönheit. 

Wir mühen uns in der neuen Konkurrenzsituation um Aufmerksamkeit, einen Platz einzunehmen und kommen den an uns gestellten Anforderungen bereitwillig nach. Heute allerdings kalt und professionell und nicht mehr so freudig aufgeregt wie am Ende der 80er Jahre, als wir das Freie Theater erfanden und das Off-Theater der 60er Jahre überrollten. Wir glaubten, in der neuen Produktionsform von Netzwerk, Projekt und Freier Spielstätte endlich die kreative Befreiung und Autonomie zu erringen. Angesichts des offenen Raumes, den der zusammengebrochene Staat DDR hinterlassen hatte, wurde das Szenario der neoliberalen Wende, insbesondere in Berlin, mit einer romantischen Aura versüßt. Das “Ende der Geschichte” realisierte sich für einen kurzen Moment in dem Gefühl, über eine offene Zukunft zu verfügen. Die lähmende Glocke der restaurativen Ära Kohl schien durch eine Fügung der Geschichte plötzlich verschwunden und erzeugte einen Raum des Aufbruchs und neuer Lebendigkeit. In den 80er Jahren war die Subkultur der Ort, an dem aggressiv und auch selbstzerstörerisch um ein Gefühl des am Leben-seins jenseits einer Normalität der Gesellschaft gerungen wurde. An diese Stelle traten hedonistische Szenen und peer groups, die von nun an bis heute vom Marketing als Zielgruppe beackert werden. Der Wiederaufbau 2.0 ist bereits eine Weile abgeschlossen. Im Immobilienboom kapitalisiert sich der in der romantischen Aura gemeinschaftlich erzeugte symbolische Mehrwert in privaten Händen. Die neoliberale Revolution frisst ihre Kinder.

Wir wussten Anfang der 90er Jahre, das etwas ganz Neues passiert, wir glaubten an dessen Notwendigkeit. Und wir hatten Recht. Die Ära des Neoliberalismus ist etwas “völlig Neues”, wie der Turiner Philosoph Giovanni Leghissa in seinem Text 2) für die Performance Reihe Im Toten Winkel [at] Vierte Welt ausführt. Die liberale Gesellschaft im Zeichen der Wohlfahrt, mit ihren getrennten Sphären von Ökonomie und Politik ist abgewickelt. Das betriebswirtschaftliche Denken ist in jede Pore der Gesellschaft und ihrer Mitglieder eingedrungen. “Economics are the method; the object is to change the heart and soul” verkündet Margaret Thatcher 1981 in der Sunday Times. Die englischen Bergarbeiter werden niedergeknüppelt 3) und der Staat wird zur Firma. All das, was einmal Gesellschaft war und das, was sie mit ihren unerfüllten Versprechen als dialektisches Potential zur Transformation in sich trug, ist in der linearen “Abstraktionsmaschine” Markt aufgelöst. Totale Finanzialisierung und In-Wert-Setzung alles Lebendigen zerstört den erotischen Körper der Gesellschaft. Die Ökonomie hat sich zur Königswissenschaft aufgeschwungen. Margaret Thatchers programmatischer Ausspruch auf der Konferenz der englischen Konservativen 1987 hat sich realisiert: “And, you know, there is no such thing as society. There are individual men and women, and there are families”. 

Die Gesellschaft ist zum leeren Signifikanten geworden. Diese Entleerung ist durch eine innere Mutation des gesellschaftlichen Organismus erzeugt und nicht durch eine Einwirkung von Außen, die an den Gesellschaftskörper herangetragen wurde und ihn irgendwie in die falsche Richtung verbogen hat. Die Leere des Signifikanten Gesellschaft füllt sich mit ideologischen Figuren, die an die niedersten Instinkte und Affekte appellieren, bzw. diese zu mobilisieren verstehen. Alain Badiou hat das in dem kleinen Bändchen Wofür steht der Name Sarkozy? (2008) prägnant beschrieben. Beherrscht wird der leere Signifikant Gesellschaft von einem Sicherheitsdispositiv. In seinem Zeichen erscheint die Macht martialisch und autoritär: “Bewegt euch ja nicht! Sonst kriegt ihr richtig Ärger” (Wilhelm Heitmeyer über Occupy Wall Street in der Berliner Zeitung 4.6.2012). In der taz wurde eine Szene bei den Blockupy-Protesten zur Eröffnung der Europäischen Zentralbank am 18. März 2015 beschrieben: Ein Polizist malt einige Meter vor einer Polizeiabsperrung mit Kreide eine Linie auf den Boden und erklärt den Demonstranten: Wenn ihr diese Linie überschreitet, kommt der Wasserwerfer zum Einsatz. Was für ein ungeheuerliches Zeichen der Macht und Demütigung durch den bis an die Zähne bewaffneten Staat. Das Zeichen folgt der Logik des Lagers. Wer sich auf 5 Meter dem Zaun nähert, wird erschossen, steht auf dem von Hand gemalten Schild.

Es steht zu befürchten, das wir in einer Zeit der Unumkehrbarkeit leben, konstatiert der italienische Philosoph und Medientheoretiker Franco “Bifo” Berardi im Nachklang auf die Finanzkrise von 2008 in Der Aufstand (2015). Folgt man ihm, stehen wir nicht vor der Rückkehr der gesellschaftlichen Solidarität und vor der Abschaffung der Finanzdiktatur. Auf eine moderne Dialektik der Heilung bzw. auf die inhärenten Selbstheilungskräfte der europäischer Gesellschaften kann nicht mehr gesetzt werden. Ohne in Geschichtspessimismus zu verfallen, mahnt Berardi in dieser Situation von allen Präfigurationen eines in unser Denken tief eingeschriebenen Fortschrittsmusters abzulassen. Die historische Logik – “Auf die Restauration des Wiener Kongress folgte im Jahr 1848 der Völkerfrühling, auf den Faschismus folgten Widerstand und Befreiung” – funktioniert nicht mehr. An die Stelle des Horizonts eines “bevorstehenden Umsturz” tritt die “bevorstehende Unumkehrbeikeit”. “ Sehen wir uns weiter einer Idee der Emanzipation verpflichtet, müssen wir unter diesen neuen Bedingungen den Begriff der Autonomie neu denken.”

Schließt man die These Berardis von der Unumkehrbeikeit der Entwicklung der europäischen Gesellschaften mit der Vorahnung kurz, dass am Ende des Ölzeitalters auch die Natur keine rettende Option mehr für uns vorhält, stehen wir ganz schön in der Scheiße. Der Satz „Die Natur weiß sich schon zu helfen“ verliert nach 5000 Jahren Evolution seine Gültigkeit. Das damit aufdampfende apokalyptische Gefühl der Ausweglosigkeit wird orchestriert durch eine Kritik, die zu sehr an ihre eigenen abgründigen und erschreckenden Erkenntnisse über die gegenwärtige Welt und die Entwürfe ihres Denkens glaubt. Sie und wir vermögen es nicht, dieses Denken und Wissen auf einen emanzipatorischen Horizont hin fröhlich zu überschreiten und mit einem politischen Projekt zu verbinden. 4) Noch nicht.

Auch wenn uns bei aller Kritik nichts Besseres einfällt und wir uns in Deutschland und einigen nordischen Ländern noch auf der Sonnenseite fühlen (können), sollten wir uns sehr klar machen, dass das scheinbar unaufhaltsam siegende neoliberale Projekt ein in sich brüchiges und zutiefst widersprüchliches Unternehmen ist. Es erscheint als Wunder der Jungfernzeugung – aus Geld wird mehr Geld, während es die belebte Welt sich selbst fressend macht. Das neoliberale Projekt gewinnt seine Kraft durch seine Fähigkeit, Komplexität radikal zu reduzieren, zu vereinfachen, zu formieren und Sinnlichkeit austreibend, zu Ent-Körpern. Auf der anderen Seite erzeugt es permanent einen erregenden Kriegszustand, in dem sich soziale Konflikte in immer neuen absurden Maskeraden grausam aktualisieren und in dem das nackte Leben – bzw., wie Berardi schreibt, vielleicht die Zivilisation selbst zur Disposition steht. 5)

Welchen Namen die Fortschrittsteleologie auch immer hatte, die Frage ist, mit welcher Perspektivverschiebung in unserem Denken wir uns von dem wirkmächtigen Sog der Leerstelle, die sie hinterlassen hat, befreien können, um wieder in einen politischen Modus einer neuen Emanzipation 6) zu kommen, an die wir den Glauben verloren haben. 7)

“Es geht darum, Verhandlungs- und Debattenräume zu eröffnen,” fordert der oben bereits zitierte Text des Impulse Festival uns auf. Zu gern folgen wir diesem Vorschlag, um über eine neue Politik und Praxis der Räume nachzudenken. Wie muss ein Raum aussehen und situiert sein, in dem wir der Aufgabe gerecht werden können, unsere politische Einbildungskraft neu zu entfalten und in dem wir Autonomie, wie Berardi uns auffordert, neu denken und erfinden können? Nehmen wir dies ernst, steht dann nicht unsere in den letzten dreißig Jahren eingeübte künstlerische Praxis und unser Selbstverständnis in all seinen Aspekten von Präsentation, Ästhetik und Produktion in Frage? In neuen Räumen der Verständigung müssen wir versuchen, eine neue Ökonomie zwischen Gestaltung und Charakter des Raumes selbst und ästhetischem Entwurf (Kunstwerk) zu entfalten. Hier ist das Wort Verständigung unterstrichen. Es verweist darauf in Übergängen, Verknüpfungen, Vielheit und Kollaborationen zu denken und zu agieren. Gründet tausend solcher Räume! Es kann nicht darum gehen, dass was die liberale Ex-Gesellschaft nicht mehr leistet oder zu leisten vermag, in einem Event, Festival oder gar in einem Projekt rettend, möglich zu machen: mit-zu-simulieren. Es kann nicht darum gehen, komplementär zu den sozialen Netzwerken einen Real-Raum zu schaffen, in dem sich der entfesselte individualisierte Wille zur Meinung austobt. “Widersprüche formulieren und auszuhalten” muss sich mit einer neuen Politik der Autonomie verknüpfen, mit der sich der erotische Körper der Gesellschaft, wie Berardi mit Deleuze/Guattari Gesellschaftlichkeit beschreibt, neu erfindet. Kunstpolitisch heißt das vor allem, neue Räume zu entwerfen und herzustellen.

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1 “Von denen, die dabei ausgeschlossen waren, sprechen wir an dieser Stelle nicht. Dies nur als Einwurf um deutlich zu machen, dass es hier nicht um die affirmative Idealisierung des bürgerlichen Theaters geht.”

2 Mythos T.I.N.A. Giovanni Leghissa 

3 “Neue Forschungen belegen das die Schließung der englischen Kohlengruben Mitte der 80er Jahre eindeutig politisch motiviert war. Die Thatcher Regierung war, um ein Exempel an der englischen Arbeiterbewegung zu statuieren, bereit die wesentlich höher liegenden Kosten für eine Schließung der Gruben über Nacht in Kauf zu nehmen. Eine sanfte, über Jahrzehnte gesteckte Abwicklung der Kohleförderung wären wesentlich billiger gewesen, wie das deutsche Modell zeigt.”


4 Slavoj Zizek im taz-Interview: “Sich selbst überlassen, wird der Liberalismus sich langsam selbst untergraben – das Einzige, was seine Grundwerte retten kann, ist eine neue Linke.”

5 “Ohne mit dieser Feststellung eine Teleologie im Zeichen des Fortschritts durch eine Teleologie im Zeichen des Untergangs ersetzen zu wollen.”

6 “Hier ist ein universaler – alle einschließender – Begriff von Emanzipation gesucht, der die Klassenfrage neu zu formulieren vermag und den Horizont für eine politische Praxis eröffnet, die die Rückbindung einer Idee von Emanzipation an Identitäts-Politiken unterläuft.”

7 Maurizio Lazzarato insistiert in seinem Aufsatz Von der Erkenntnis zum Glauben, von der Kritik zur Produktion von Subjektivität auf die Bedeutung des Glaubens für eine Gesellschaft, bzw. für ein politisches Handlungsvermögen.

 

Verfasst für IMPULSE THEATER FESTIVAL 20161


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