Berliner Kunst: Distinktionsökonomie oder Internationalismus?

04.06.17


Unser Rat: Fuck You oder einfach: NEIN

Als Aufmacher für das Feuilleton in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 20./21.Mai schreibt Michaela Schlagenwerth unter der Überschrift "Beschmutzt mit Berlin", dass in Berlin das Milieu der "abgehobenen globalisierten Kunstbetriebsszene" dominiert: vertreten durch "die sehr ästhetisch denkenden" Kurator*innen Chris Dercon (Volksbühne), Annemie Vanackere (HAU) und Thomas Oberender (Berliner Festspiele). Wenn dann auch noch die Schaubühnen-Disposition verstopft sei, passiere es unter diesen Bedingungen, dass jemand wie der Berliner "Choreografinnenstar“ Constanza Macras durch die Raster falle und sich gezwungen sehe, im roten Plüsch des dem Boulevard verpflichteten Theater am Kurfürstendamm ihr neues Stück "On Fire" aufzuführen. Statt sich um in Berlin lebende Künstler*innen zu kümmern, so die Berliner Zeitung, graben sich die "gut subventionierten Booker bei den Künstlern mit aktueller Distiktions-Hippness" gegenseitig das Wasser ab.

Der von der Berliner Zeitung aufgemachte Gegensatz, die vom realen Berliner Leben beschmutzten Arbeiten von Macras (local/rot) versus ästhetischer Reinheit eines internationalen Marktes (global/weiß) zu setzen, ist so falsch wie richtig. 

Erinnern wir uns: Die Volksbühne galt am Ende des letzten Jahrhunderts als der wilde Ort, der das “OFF Theater” aufsog und überflüssig machte. Schlingensief und Pollesch lassen grüßen. Das HAU war zumindest in den ersten Jahren der Intendanz von Matthias Lillienthal der Ort der Berliner Künstler*innen, die den drei HAUs unter hoher Beschleunigung und Verdichtung Leben einhauchten. Heute haben die globalisierten Player der internationalen Kunst- und Diskursnetzwerke übernommen, sie nehmen professionell den Dampf aus den Kesseln, expandieren nach Businessplan und errichten die kuratorische Hoheit über das, was als unhintergehbarer "state of the art" zu verstehen ist. Und unter der Fahne Diskurs versuchen sie, über 1a besetzte Panels die Definitionshoheit über den "state of the time" zu markieren. 

Beschreibt dies nicht die selbe Geschichte des Exportweltmeisters Deutschland, der am Ende zur politischen Führungsmacht in Europa wird und Angela Merkel zum politischen World Leader macht? Die Stimmung in der Wirtschaft ist großartig scheibt die Berliner Zeitung am 29.5 und Deutsche Wohnen wird seine Profitrate 2017 von traumhaften 17% (2016) auf geschätzte 21,5% steigern, heißt es. Wir sind jetzt Weltkunstplayer.  

Alle anderen Akteur*innen (Künstler*innen, Dramaturg*innen, Professor*innen usw.), die herumwuseln, dauerhaft Förderanträge stellen und darum kämpfen, ihr Projekt in diesen Raum der großen symbolischen und der ökonomischen Macht - HAU/Volksbühne/Festspiele etc. zu plazieren, erscheinen gegenüber weltgewandten Kurator*innen und ihren Institutionen als Verlierer, als provinziell oder werden in Gestalt einer "Szene" - in den letzten Nischen der Zwischennutzung - zum potentiellen Reservoir für ästhetische Frischzellen, die den internationalisierten Verwertungsketten dann und wann zuzuführen sind. Bestes Beispiel, das gerade beendete Street Art Kunstprojekt "The House" in der Nürnberger Str.: Fotografieren streng verboten, Handys werden am Einlass eingetütet. Nur den Kreativ-Scouts der Big Player Adidas, Puma, Apple, BMW, Heckler und Koch* usw. ist das fotografieren exklusiv erlaubt.  

Bei allem guten Willen - Inhalte, Anliegen und Engagement werden quasi systemimmanent zu Oberflächenphänomenen - zur Marke und ästhetischem Deko, zur Petitesse oder Posse. Der darunter liegende Produktionszusammenhang und seine Produktionsweise dringt in alle Poren des Lebens, der Kunst und des Sozialen: Distinktion, knochenharte Konkurrenz und der Trieb nach dem NEU zeitigt sich je nach persönlichem Charakter in rastloser Bulimie (stopfen+kotzen) oder einem akademisch abgefederten Ästhetizismus, der nix will.  

In jedem Fall gilt weiter die Brecht’sche Lehre: Zuerst kommt das Brathähnchen und dann die Moral... so langweilig es ist, dies gilt auch heute und nicht nur für die Armen. Es ist viel radikaler!

Und so kommt es dann und wann zu kleinen tragischen Komödien. 

Constanza Macras ist da nur ein Beispiel. Sie sollte, wenn sie nicht mit dem besoffenen Geist von Harald Juhnke die Bühne teilen möchte, kunstpolitischen Anstand zeigen, Fuck You rufen und mit dem Ballhaus Ost oder dem Theaterdiscounter telefonieren und diese Orte mit ihren Stücken zum platzen bringen, statt der Distinktionsökonomie folgend, darüber zu klagen, durch die high-end Kuratoren-Raster gefallen zu sein. Und es wäre mehr als kunstpolitischer Anstand, es wäre ein aktiver Schritt hin zu einem Internationalismus der Kunst, der sich der Usurpation durch den Markt und dessen Agenten entzieht und so JA zur Emanzipation** sagt.  Und es würde damit die öde So-ist-das-Leben... So ist die Welt - Globalisierungserzählung der Dualität von Gewinner und Verlierer(Opfer) unterlaufen, weil es eine andere Praxis markieren würde. Hören wir auf damit, wie die Zen-Kaninchen auf das leere Zentrum der Macht zu starren. Und überhaupt - Das Ballhaus Ost und der Theaterdiscounter haben sich eh zu den lebendigsten Orten in der Stadt entwickelt.


* Heckler und Koch ist natürlich eine Fake News. Oder?

**Mit Emanzipation ist hier etwas anderes gemeint, als die Bitte um die staatlich zertifizierte    

  Gleichstellung und die Produktion von weißen Obamas.


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