FREIER von Marie Rotkopf _ Vierte Welt Flugschrift

07.03.18




Die Ordnung des Diskurses: der Vorhang geht auf. Das dünne Buch enthält die 1970 gehaltene Antrittsvorlesung zu Michel Foucaults Berufung an das Collège de France.

Ich habe das Buch bei la FNAC - einer Kreuzung zwischen Thalia und Saturn, Mitte der Nullerjahre in Paris gekauft. Ich habe es gekauft, weil ich weiter mit J. A. Liebe machen wollte. Er kam aus einem eher spießbürgerlichen bis normalen Haushalt aus Bordeaux, wir waren Ende zwanzig und es war für ihn zu dieser Zeit wichtig, Kultur aufzunehmen, in allen Bereichen - am besten die, welche sich überkreuzen, Musik,selbstverständlich bildende Kunst, Literatur, erstaunlicherweise weniger Theater, Kino und Philosophie. Ich habe es gekauft, um ihm zu zeigen, dass ich es auch gekauft hatte. Ich habe es gekauft, damit er weiß, dass wir die gleichen gemeinsamen Interessen haben. Ich habe es gekauft, um ihm zu zeigen, dass ich wie er sein wollte. Ich habe die Ordnung des Diskurses gekauft, mir war aber Michel Foucault egal, nur damit er glaubt, dass ich es für gut hielt, dass wir uns anhand der Ordnung des Diskurses zusammen finden konnten. Dennoch und seit langem, stand Die Ordnung der Dinge in meinem Schrank, wie die perfekt aufgeräumten Tassen. Etwas später, als die Beziehung zu Ende war, habe ich Die Ordnung des Diskurses aufgeschlagen. Ich habe das Buch gelesen, um mich an diese normative Liebesgeschichte zu erinnern. Ich habe es gelesen, um ein wenig mehr von J. A. zu behalten. Ich habe es gelesen und es war cool, dieses wunderschöne französische Geschwafel oder wie Badiou, als er noch interessant war, über Deleuze sagte, dieser gedruckte bürgerliche Dandyismus. Die Ideen im Buch ebenfalls, es war moderner als Victor Hugo, weil es mehr auf den Punkt gebracht wurde - als in die Länge gezogen.

Ich war noch zu jung. Vor einiger Zeit, in die Jahre der Reife gekommen, las ich es noch einmal, i did it again. 

Die aufgefaltete Schatzkarte vor meinen Augen, alle Bedingungen endlich erfüllt, so etwas wie Freiheit, fand ich nun den Hort: ein Spiegel, versteckt in einer tiefen Spalte. Die Problematik der Verspiegelung, unendliche Spiegelung: eine Rhetorik des Respekts für die Väter im Auftrag eines Schwulen, angekleidet mit richtigen Lederhosen (ein Traum zu teuer für mich). Das war es und es ist enorm, obwohl nur die Splitter des Spiegels also des Schatzes auf dem schönen Pariser Parkett liegen bleiben. Glasscherben, Holz und Blut. Die Geschichte der Denksysteme liegt in der Weitergabe. Dieses Mal hatte ich begriffen, wie Foucault, in Begleitung von seinen Brüdern des Poststrukturalismus, ein Handbuch für der Fortführung der Vormundschaft verfasst hat, derweil man die Machtstrukturen kritisieren möchte. Und je mehr man es liest, desto mehr unsere Formatierung irre ist.[1] 

Sublime Sprache, Giftschlange. Wahrscheinlich wäre Foucault der Herold des Neoliberalismus geworden. Ist er schon.[2] Und ich hasse ihn. Ich hasse ihn auch, weil er 1977 für die Abschaffung des Schutzalters war. Er hat mit seinen Schulfreunden die Petition Offener Brief zur Überarbeitung des Gesetzes über Sexualvergehen die Minderjährigen betreffend unterschrieben.[3]  Hinter wem reihen sie sich ein, diese Männer, die überwiegend keine Kinder hatten, um zu behaupten, dass es besser für sie sei, und für die Gesellschaft? Für die patriarchale Gesellschaft, ohnehin. Diese Generation von gut positionierten Männern, welche die Pädophilie verharmlosen wollten, sollten sich wieder ihre Theorien über die Machtausübung anschauen. Ich verzeihe es auch nicht, dass sie die Homosexualität dafür nutzen, um die Macht der Erwachsenensexualität zu stärken, mit dem Vorwand der Dekonstruktion. Neulich habe ich die Assistentin der Direktorin von Kampnagel auf einem Flohmarkt getroffen und sie sagte mir, „ich lese nicht mehr Bücher über Feminismus, die von einem Mann geschrieben sind“. Ich war verblüfft. So viel Mut habe ich nicht. Auch wenn ich seit Derrida weiß, dass dies alles zusammenhält. Der Kreis muss gebrochen werden. Jeder Psychologe weiß das und ebenfalls Foucault, der sein Diplom besaß. Denn das ist die Freiheit. Die Entromantisierung. Françoise Héritier, die uns sagte: „wir müssen die Idee von einem unbezwingbaren männlichen Begehren vernichten“.[4] 

Und wenn die Weisheit des Lebens die Freiheit bedeutet, ist die Philosophie nicht die Freiheit. Dann erinnere ich mich an Sandra. Sandra Salomon und ihr roter Lippenstift. Immer als ich Sandra beobachtete… Sandra sitzend an ihrem Büro und Sandra die manchmal mit uns redete, das Gesicht nach unten gerichtet. Sandra mit ihren immer schönen roten Lippen und ihren schwarzen Haare. Sandra aus der 12. Klasse. Sandra im Jahr meines Abiturs. Sandra weise Sandra. Sandra warum hast du mich manchmal geekelt? Sandra sanfte und intelligente Sandra. Weil du verloren und traurig aussahst, manchmal? Dein Liebhaber starb zwei Jahren davor. Die Zukunft dauert lange. Dank dir habe ich früh verstanden, wie die Philosophie die Antifreiheit ist, du hast es vor uns AbiturientInnen des Lycée Lamartine acht Stunden jede Woche verkörpert. Es gibt nichts stärkeres als die Sprache der Körper. Mit dir Sandra Salomon, führte sie zur Sichtbarmachung der Problematik der Macht. Das wurde in dir leibhaftig, dass die Philosophie keine Macht hat, sondern zu Verhandlungen und Diskursen führt.

JA, was mich befreit hat war nicht philosophischer Natur. Wie sollte es möglich sein, dass wir durch die Philosophie eine Form der Freiheit finden konnten, wenn fast alle außer Condorcet, uns gezeigt haben, wie beschissen sie sind. Diese Männer, die mir erlaubt haben zu verstehen, was für eine Schande sie sind.[5] Das, was mich frei gemacht hat, waren zuerst den Ekel und die Ungerechtigkeit zu erkennen; dieses Bewusstsein über die Gefühle der Beschränkungen und das über die Profiteure. Wie heute diejenigen, die hinter ein paar Interpreten unter Einfluss (Catherine Deneuve, Catherine Millet, Ingrid Caven…) stehen und unter die Freiheit jemanden zu belästigen einen Appell [6] unterschrieben haben… schlimmer; wie in den 70er Jahren, aber nun unter dem Vorwand der Freiheit, unter dem Scheingrund der Politischen Korrektheit.

Wie so oft, der Schlüssel liegt einfach in der Verdrehung. Deshalb der Spiegel und die Splitter. Darf ich auch Frauen, Männer oder Kinder sexuell belästigen? Oder darf ich nur politisch unkorrekt sein?

JA, was mich befreit hat war dies zu wissen, dass du, Sandra Salomon, meine Philosophielehrerin, die Liebhaberin von Louis Althusser warst.

Das war philosophischer Kultur.

Es ist immer noch die Freiheit zu realisieren, dass du die Kopien von Die Zukunft dauert lange korrigiert hast, das Buch seiner Autobiographie und die Rechtfertigung seiner Tat, dank der Geschichte der Denksysteme, die Normalität.

Das ist die Freiheit wahrzunehmen, dass Althusser für den Mord an seiner Frau Hélène Rytmann frei gesprochen worden ist. Dass es keinen Prozess gab, dass er mit Hilfe seiner Freunde der École Normale nicht ins Gefängnis gegangen ist.

Freiheit ist es -und über allem bedeutet sie die Lektüre des Buches Althussers, welche Die Ordnung des Diskurses bestätigt und es mir ermöglicht zu hassen.

Man verbrennt die verrückten Kreaturen, man verklärt den klugen Mann. Das ist schon veraltet und vulgär: wir müssen voran gehen. JA, die Freiheit fängt mit dem Hass an und ich hasse Althusser wie seine Zukunft.[7]

Dies führt zu laizistischen Feministinnen wie Maya Surduts -nicht zu Baudrillard, die mir gezeigt haben, dass die entstehende Möglichkeit einer Welt in ihrer widerspenstigen Kritik besteht.

Kein Vater kein Sohn.

Dies führt zur Vergebung.

Der Kreis der Kultur schließt sich, erfüllt von Codes der Toleranz.

Es führt zu Klaus Kinski und ich verzeihe Thomas Harlan nicht, dass er seine Zeit verschwendet hat, um mit dem Vergewaltiger und kriminellen Vater abzuhängen, anstatt sein Buch über die deutschen Kriegsverbrecher zu schreiben.

Dies führt zur Straffreiheit.

Die Straffreiheit der VerSÖHNung.



1  Ein wenig wie wenn man Isabelle Grave in einer Vernissage in Berlin trifft. Irre, unsere Formatierung in unserem Kulturkreis.

2  Geoffroy de Lagasnerie und Daniel Zamora u. a. haben darüber interessante Recherchen geführt.

3 La loi de la pudeur. https://fr.wikipedia.org/wiki/La_Loi_de_la_pudeur

4  Françoise Héritier in Le Monde , 5/11/2017

5  Francis Dupuis-Déri, La banalité du mâle 

6  Le Monde

7  Dies führt endlich zum wichtigsten Buch (über die Postmodernen, French Theory, Althusser) von einem intelligenten Mann: E. P. Thompson, Das Elend der Theorie. Zur Produktion geschichtlicher Erfahrung, Campus, Frankfurt am Main,1980


Marie Rotkopf ist Schriftstellerin, Künstlerin und Kulturkritikerin

Neulich erschienen Unregierbar sein mit Frank Adloff (Mittelweg 36) und Antiromantisches Manifest (Edition Nautilus)

Foto: Internationale Surplace 

Blog IndexAktuell