Hinterm Ostbahnhof


Christiane Hütter


Über einen Platz, die Härten der Existenz, über Spuren, Risse und Ecken, über Bratwurst und Pelmeni, über unsere Realität und darüber, dass wir hier alle eine Macke haben.


Regie und Konzept: Lenka Ritschny | Kamera und Schnitt: Benjamin Behnisch | Musik Oliver Balazs

Produktion: René Dombrowski

Eine Produktion in Kooperation mit der Vierten Welt. Gefördert durch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin.


Der Platz hinterm Ostbahnhof, der einst mal Hauptbahnhof war, ein vergessener trostloser Platz? Ein Durchgangsort? Wir schauen hin, wo unsere  Blicke für gewöhnlich kaum verweilen und folgen der bizarren Ästhetik des Alltags. Spuren, Risse, Ecken führen uns zu den Imbissbudenbesitzern, die auf diesem Platz ihre Existenz bestreiten. Was geht bei ihnen ab, wie erklären sie sich ihren Alltag?

Ein Kontrast zwischen Phantasie, Humor und den Härten des Existenz – ein Porträt des Lebens auf dem Platz, das auf unser aller Leben in dieser Welt hinweist.


3.10 + 4.10 | 18:30 | Öffentliche Voraufführungen | Hermann- Stöhr-Platz hinterm Ostbahnhof

TAZ Die Tageszeitung: 05.10.2012

Kultimulti am Ostgrill

FILM Der Platz hinter dem Ostbahnhof ist ein rauer Ort mit Ecken und Kanten. Einige Geschichten, die sich dort zugetragen haben, wurden nun verfilmt - und vor Ort gezeigt

Der Hermann-Stöhr-Platz hinter dem Ostbahnhof beherbergt eine Welt aus Frittierfett, Neonlicht und Polyester, errichtet von Imbissbudenbetreibern und Klamottenhändlern. Erika verkauft in ihrem "Ostgrill" Pommes Schranke und Multivitaminsaft an Rentnerinnen, die ihre Zigaretten in schwarz-rot-goldenen Aschenbechern ausdrücken und von den Tücken der "Kultimulti-Gesellschaft" sprechen - "oder wie heißt das noch mal, was wir hier haben?" Am Stand ein paar Meter weiter werden T-Shirts mit Greifvögeln in Air-Brush-Optik feilgeboten. Wer hier bis in die Abendstunden arbeitet, kennt die Härten der Existenz nicht nur vom Hörensagen.

Eingeklemmt zwischen den Buden steht am Mittwochabend eine Leinwand, davor drängt sich ein junges Filmpublikum. Denn gleich wird hier ein Dokumentarfilm gezeigt, der sich mit ebendiesem Platz hinter dem Ostbahnhof befasst. Die Filmemacher Lenka Ritschny und Benjamin Behnisch haben die Menschen in ihren Buden porträtiert, unaufgeregt und aufmerksam.

Menschen wie Vladimir, der einst als Ingenieur ein Unternehmen in Riga leitete und nun eben Maultaschen in Berlin verkauft. Er sagt das, als ob es zwischen dem einen und dem anderen Job keinen Unterschied gäbe. "Seit 19 Jahren beschäftige ich mich mit Pelmeni", präzisiert der dicke, weißhaarige Mann und strahlt. Das ist das Talent Vladimirs: fröhliche Hingabe. Sein Traum: "Ich möchte einen Park bauen, er soll Mini-Sowjetunion heißen."

Film nach Feierabend

Den Film dort zu zeigen, wo er gedreht wurde, erweist sich als gute Idee. Während er läuft, legt sich die Nacht über den Hermann-Stöhr-Platz. Die Imbissbuden schließen und einige Betreiber stoßen nach Feierabend zum Filmgucken dazu. Sie sehen sich zum ersten Mal auf einer Leinwand. Manche lachen Tränen über sich selbst, andere sind sich ihrer Außenwirkung unsicher und blicken schüchtern umher.

Erika, die Betreiberin vom "Ostgrill", verpasst die Vorführung. "Leider keine Zeit", sagt sie und steckt sich ihre blondierten Haare hinter die Ohren. Bis spät abends frittiert sie Pommes. Danach will sie schnell nach Hause zu ihrem Enkelkind, das sie mit ihrem Mann großzieht.

JOANNA ITZEK



tip Berlin

Interview mit der Filmemacherin Lenka Ritschny

Die Berliner Regisseurin drehte mit „Hinterm Ostbahnhof“ einen Dokumentarfilm über

Besitzer und Besucher der Imbissbuden am Hermann-Stöhr-Platz. Der tip sprach mit

ihr gebrochene Biografien und rissige Fassaden. Der Ostbahnhof steht für den ehemaligen Hauptbahnhof Ostberlins, für neu entstandene Einkaufsmärkte und mit dem Berghain für lässiges Ausgehen. Wie bist Du darauf gekommen, ausgerechnet die Imbisse vorzustellen?

Lenka Ritschny: Während ich für ein anderes Filmprojekt recherchierte, habe ich viel Zeit

am Ostbahnhof verbracht. Mir ist der Platz aufgrund seiner postsozialistischen Atmosphäre

aufgefallen. Unwillkürlich musste ich an ähnliche Orte im postsowjetischen Raum denken.

Die Imbissbudenbesitzer bestimmen wesentlich diese atmosphärische Nuance des Platzes.

Sie scheinen aus einer anderen Zeit zu kommen und bringen mit ihren wenigen Mitteln etwas

Besonderes und Eigenartiges an diesen Ort. Gleichzeitig ist dieser Platz für viele Menschen

ein Durchgangsort, an dem sie nicht lange bleiben wollen, sondern an dem sie vorbeieilen.

Die, die bleiben, sind alt oder arm oder einsam oder alles zusammen. Die

Imbissbudenbesitzer bekommen diese Widersprüche direkt zu spüren. Mich interessieren

Geschichten, die aus Widersprüchen entstehen.


Konntest Du die Protagonisten rasch für das Projekt begeistern?

Ich habe mir den Platz über den Zeitraum von einem Jahr immer mal wieder angeschaut, um

zu begreifen, was mich fasziniert und ob dies tragfähig ist, um daraus einen Film zu machen.

Dann ging es schneller: Die konkrete Recherche hat als Gespräch mit den Protagonisten

einige Tage gedauert. Ich habe dabei sofort die Kamera eingesetzt und bin dann nach ein

paar Monaten für eine zweite Drehphase wiedergekommen.


Die Biografien, gerade wenn man an den Ingenieur aus Riga denkt, scheinen

gebrochen. So ein bisschen spiegelt sich in Ihnen die Ambivalenz des Ortes zwischen Galeria Kaufhof und Ostbahnhof…

Ja, es gibt eine Parallele zwischen den Biografien und der Geschichte des Ortes, die sich bei

dem Ingenieur aus Riga am deutlichsten zeigt: Es gab eine Vergangenheit, die sich besser

anfühlt als die Gegenwart und Zukunft. Der Bahnhof war mal Hauptbahnhof und auf dem

Platz war viel los. Jetzt ist es nur noch eine Überlebenschance. Sowohl der Ort, als auch die

Biografien der Imbissbudenbesitzer, werden wesentlich durch die Art und Weise strukturiert,

wie unsere Ökonomie organisiert ist. Auf die Härten reagieren die Protagonisten

unterschiedlich: mit Durchhalteparolen, Resignation und Humor und mit überschw.nglichen

Phantasien.


Wie setzen sich die Besucher der Imbissstände zusammen?

Die Stammgäste wohnen in den angrenzenden Wohnblocks und sind älter, oft einsam und

haben wenig Geld. Für Viele von ihnen stellt der Platz ein erweitertes Wohnzimmer

dar.Gleichzeitig kommt zur Mittagszeit Kundschaft aus den anliegenden Büros. Eher selten

verirren sich Partygäste zu den Imbissbuden.


Was hat Dich denn im Laufe der Recherchen am meisten überrascht?

Dass die Konfrontation mit der Realität immer härter ist, als man sich das vorher vorstellt,

und man das immer wieder vergisst, obwohl man diese Erfahrung schon oft gemacht hat.

Genauso überrascht mich immer wieder, dass Leute, die in beschissenen Lebenssituationen

stecken, lieber sich selbst oder Andere für die Misere verantwortlich machen, statt die

politischen und ökonomischen Verhältnisse zu kritisieren.


Die Narration kommt ohne aktiven Erzähler aus.

Lenka Ritschny: Ich denke, auch Dokumentarfilme können Kino sein - ein cineastisches

Erlebnis. Ich lasse die Protagonisten genauso wie die Bilder und den Sound vom Platz

interagieren. Das Zusammenspiel leitet die Zuschauerinnen durch den Film. Diese

Bewegung braucht keinen aktiven Erzähler.


Ein bisschen erinnert diese Art an die Dokfilme von Thomas Heise oder auch Andreas

Dresen (z.B. „NVA“)

Ich möchte in meinen Filmen das Verhältnis von Menschen zu gesellschaftlichen Strukturen

untersuchen. Darin sehe ich mich auf einer analytischen Ebene in der Tradition von Karl

Marx. In der direkten Konfrontation mit Realitäten findet man oft Dinge, Verhältnisse und

Menschen, die mit Worten und Argumenten nicht zu beschreiben sind. Hier beginnt das

künstlerische Feld, auf dem man mit ästhetischen Mitteln arbeitet und Widersprüche in

imaginativer Form in Bewegung setzt.


Interview: Ronald Klein

Premiere | 8. Oktober 2012