Zu Gast | Theater | Werner Waas

Materialien für eine deutsche Tragödie

von Antonio Tarantino


Deutsche Erstaufführung


History reproducing itself becomes farce, Farce reproducing itself becomes history

Jean Baudrillard


Mit: Lea Barletti | Elettra de Salvo | Carlo Loiudice | Lajos Talamonti | Werner Waas | Armin Wieser | Harald Wissler

Regie / Übersetzung: Werner Waas - Regieassistenz: Archil Svimonishvili

Dramaturgie / Video: Barbara Weigel - Musik: Harald Wissler


„Materialien für eine deutsche Tragödie“ erzählt mit Sarkasmus und Empathie von Macht, Utopie und Tod vor dem Hintergrund des Terrorismus der 70er. Auf etwa 200 Seiten erzählen über 100 Stimmen in einer losen Szenenfolge von den Ereignissen des Deutschen Herbstes. Ein verrückter Blick auf Geschichte, der die deutsch-italienische Spiegelung nutzt, um rhetorische Schleier sichtbar zu machen und das Heute im Nebel der Vergangenheit zu suchen. Italienische und deutsche Schauspieler unterschiedlicher Generationen spielen in und mit deutscher Sprache und Geschichte und mit allem, was Übersetzung heißt. Sie springen zwischen Erzählung und Spiel hin und her, dolmetschen und improvisieren. Leitfaden bleibt der fremde Blick und der Umgang der Schauspieler mit historischen Figuren, die an- und ausgezogen werden wie Handschuhe, die man ausprobiert und bald darauf wieder wechselt. Teilweise wird gelesen, manches nur angespielt, für eine Spielform, die sich zwischen Brecht, Totò und dem Happening bewegt.

Wie um die Atmosphäre eines typischen italienischen Plenums zu schaffen, wo die langen politischen Diskussionen immer durch gemütliches Essen und Trinken begleitet werden, wird nach der sechsstündigen Performance gemeinsam ein kleines, schmackhaftes italienisches Gericht mit einem Glas Wein genossen.


Mit „Materialien für eine deutsche Tragödie“ gewann Antonio Tarantino 1997 den renommierten Riccione-Preis für Gegenwartsdramatik. Diese riesenhafte Momentaufnahme der Terrorwelle des Jahres 1977 wird erstmalig in Deutschland aufgeführt. Der Autor Tarantino erklärt: „Ich habe nicht über die Brigate Rosse schreiben wollen, weil diese Ereignisse uns zu nah sind, sowohl in politischer als auch emotionaler Hinsicht“. In seiner Abgrenzung gegenüber der geschriebenen Geschichte schafft Tarantino einen theatralen Zwischenraum, in dem sich die Sprache emanzipieren und damit ihr rhetorisches und subversives Potential manifestieren kann.

In diesem Karussell sind die jungen Utopisten, die Terroristen, nur noch monologisierende Monumente der Verlorenheit. Die von ihnen herausgeforderten institutionellen Machthaber wirken umso mehr wie Karikaturen, je mehr ihre Sprache den Diskurs der Macht formuliert. Heraus kommt das Zerrbild eines Staates, das ebenso gut auf die 70er Jahre, wie auf unsere Gegenwart verweist, in der sowohl die Verschleierungstechniken von Wirklichkeit als auch der Kampf auf Leben und Tod zwischen Staatsmacht und Terrorismus ungeahnte Ausmaße angenommen haben. Die Macht bleibt sich selbst immer treu.

Ein Experiment mit Sprache, Geschichte und wechselnden Blickwinkeln mit einem Ensamble, das Stars der Berliner Performanceszene wie Lajos Talamonti (vom Performancekollektiv Interrobang) und Armin Wieser (Hans Werner Krösinger u.a.) mit italienischen Schauspielern (Lea Barletti, Carlo Loiudice) und deutsch italienischen Grenzgängern wie Werner Waas (Regie/Schauspiel), Elettra de Salvo (Schauspiel) oder auch Barbara Weigel (Video/Dramaturgie) mischt. Dazu kommt noch ein Musiker aus dem Team von „Martin Clausen und Kollegen“.

Im Verlauf der Proben wurden zwei Workshops absolviert, welche die Arbeit mit generationsübergreifenden Reflexionen und Einwürfen bereichert haben.  Zum einen mit Schülern der 10. Klasse der italienisch-deutschen Albert-Einstein-Oberschule in Britz und zum anderen mit älteren Menschen in Zusammenarbeit mit dem Theater der Erfahrungen in Schöneberg. Die Reflexionen jener, die diese Jahre erlebt haben und derer, die damals noch nicht geboren waren, wurden in den Probenprozess integriert und eingearbeitet.


Werner Waas wurde 1963 in Niederbayern geboren. 1986 verließ er Deutschland in Richtung Italien. In 25 Jahren hat er 30 Inszenierungen jeder Größenordnung geschaffen, aufgeführt auf Straßen, in Bars, in Keller-, Privat- und Staatstheatern, auf Festivals. Er war Theaterleiter, hat Kulturfabriken aufgebaut, Festivals gegründet, die er bis heute leitet, hat mehrmals die Seiten gewechselt, vom Regisseur zum Schauspieler, vom Organisator zum Dramaturg, hat Bücher ins Italienische übersetzt, hat einen Dramatikerpreis ins Leben gerufen, Netzwerke aufgebaut, an internationalen Projekten mitgewirkt. 2012 kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitet seither in Berlin und Europa. In den letzten Jahren gesellten sich die interkulturelle Arbeit und Projekte mit Kindern zur bisherigen Tätigkeit als Regisseur, Schauspieler, Clown und als Verfechter dramatischer Texte. Doch immer bleibt sein Schaffen getragen vom Glauben an eine Kunst, die sich einmischt, die Grenzen niederreißt, die sich nicht einzwängen lässt, sondern frech, frei und emphatisch am Leben teilnimmt.


Antonio Tarantino wurde 1938 in Bozen als Sohn eines Unteroffiziers der Armee und einer Hausfrau geboren. Er besuchte ein Institut für angewandte Kunst und bezeichnet sich selbst als Autodidakt. Über lange Jahre widmete er sich leidenschaftlich dem Zeichnen und später der Malerei. Sein Stil war zunächst figurativ, später dann eine Art materieller und nicht-ikonische Malerei. Nach seinem 50.Lebensjahr fing er an, , ohne das mindeste vom Theater zu wissen  und aus Gründen, die er heute noch nicht zu sagen weiß, Texte fürs Theater zu schreiben. Mit „Materialien für eine deutsche Tragödie“ gewann er 1997 den renommierten Riccione-Preis für Gegenwartsdramatik.



Presse- und Öffentlichkeitsarbeit | Aurora Kellermann | presse@tatwerk-berlin.de


Produktion | ITZ Berlin im Rahmen von Fabulamundi.Playwriting Europe - Crossing Generations


Mit Unterstützung des Kulturprogramms „Kreatives Europa 2014 – 2020“ der Europäischen Union, des Kofinanzierungsfonds des Berliner Kultursenats und des italienischen Kulturinstituts.


Vierte Welt | www.fabulamundi.eu | www.itzberlin.de | www.tatwerk-berlin.de



So. 13 Dezember 2015 | 18:00 Uhr | Bar/Kasse 17:30 | Eintritt 15/12 Euro *

Kartenreservierung: karten@viertewelt.de

* in den Eintrittskarten sind 3 Gläser Wein, belegte Brote für zwischendurch, sowie eine abschließende Mitternachtssuppe enthalten