Veranstaltungsreihe

FEMINIST STORIES

STRATEGIEN DER WIEDER/ANEIGNUNG



Seit einigen Jahren gibt es eine Wiederentdeckung der künstlerischen und theoretischen Positionen der feministischen Bewegung nach 1968, die neu interpretiert und wieder angeeignet werden.

Ältere feministische Geschichten werden erneut gelesen und neuere feministische Geschichten daran angeknüpft. FEMINIST STORIES versteht sich als unabgeschlossene Reihe, die die gegenwärtigen Motivationen für eine Aktualisierung im Dialog mit Künstlerinnen und Theoretikerinnen erforscht.


FEMINIST STORIES gibt künstlerischen Positionen Raum, die feministische Konzepte als Bezugspunkte wiederentdecken und sich in diesen Traditionslinien (auch kritisch) verorten.

Die Reihe geht aber auch der Frage nach, welche Persönlichkeiten für eine feministische Genealogie -wie etwa Laura Mulvey, Silvia Federici oder Silvia Bovenschen als Bezugspunkte und Traditionslinien für Feministinnen in der heutigen Zeit wichtig sind. Spekulativ und dialogisch zugleich bietet sich damit auch das Potential einer intergenerationellen Annäherung.


FEMINIST STORIES untersucht damit zugleich wie die historische Praxis der Herstory ohne Essentialismen aktualisiert werden könnte, und was Geschichte und Geschichten aus einer kritischen feministischen Perspektive heute sichtbar machen.


In insgesamt 5 bzw. 6 Abendveranstaltungen wird das Phänomen der Wiederentdeckung einer feministischen Theorie- Bewegungs -und Kunstgeschichte an einzelnen ausgewählten Positionen erörtert, in dem das normative männliche Blickregime (27.10. Hedditch/Mulvey), Beziehungs- und Arbeitsformen (3.11.Hamann/Osterroth u. 24.11.Sollfrank), weibliche Migrationsgeschichten (8.12.Kern) und feministische Perspektiven auf Transformations-Gesellschaften (15.12 Grzinic) erneut diskutiert werden.

Ausgehend von einem Gespräch über die künstlerische Arbeit (artist talk), geht es der Reihe darum, das Publikum interaktiv in den Prozess der Aktualisierung einzubeziehen und Feminismus als Bestandteil von Lebensformen und Alltagspraxen zu kontextualisieren.

Die Reihe schlägt damit zugleich eine Recherche zu feministischer Kunst und Theorie vor, wie sie mit dem Projekt "Counterplanning from the kitchen" für den Bereich des feministischen Films 2013 begonnen wurde.


Veranstaltungen jeweils Dienstag Start 19:30


[ # 1 ]  Di. 27. Okt. 2015 | 19:30 Uhr | Bar 19:00 | Eintritt frei

Oktober - Dezember 2015


VISUAL PLEASURE AND NARRATIVE CINEMA

Die Künstlerin Emma Hedditch inszeniert in ihrem Video “Visual Pleasure And Narrative Cinema“ (2007) den theoretischen Einsatz der einflussreichen feministischen Film-Theoretikerin Laura Mulvey mit ihrem gleichnamigen Text von 1975. In diesem grundlegenden Beitrag zur feministischen Analyse des Kinos und seiner Konventionen, enthüllte Mulvey die Dominanz des männlichen Blicks bei der Darstellung von Frauen im Film. Aufbauend auf dem theoretischen Gerüst der Psychoanalyse, analysiert sie die Konstruktion weiblicher Stereotype.

Im Gespräch mit der Kulturproduzentin Madeleine Bernstorff werden aktualisierende Bezüge der Theorie von Mulvey und der künstlerischen Arbeit von Emma Hedditch beleuchtet.

Wie reflektieren Hedditch und Mulvey Film als Kunstform, und welche künstlerischen Praxen  des Film-Machens schließen sich daran an? Gemeinsam mit Gästen und Publikum diskutieren wir  kritische Arbeitsweisen in verschiedenen Generationen von feministischen Künstlerinnen und Autorinnen.



Emma Hedditch (geboren 1972 in England) Künstlerin und Autorin, lebt in New York, arbeitet häufig kollaborativ mit Gruppen z.B. mit dem feministischen Verleih Cinenova und Individuen wie der Filmtheoretikerin Laura Mulvey im Video „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ 2007.

Ihre Arbeiten sind beeinflusst von politischer Konzept-Kunst und feministischer Theorie,  die häufig Prozesse von Aushandlung oder Herstellung von sozialen Prozessen fokussieren und in unterschiedliche Arbeitsformen münden wie Performance, Fanzines, kollektiv produzierte Videos Screenings und Events.


Screening engl. Mit deutscher Untertitelung, Gespräch deutsch

Text: Visual Pleasure and Narrative Cinema

http://imlportfolio.usc.edu/ctcs505/mulveyVisualPleasureNarrativeCinema.pdf


[ # 2 ]  Di. 03. Nov. 2015 | 19:30 Uhr | Bar 19:00 | Eintritt frei


FEMINISTISCHE LIEBLINGsZITATE

Die Künstlerinnen Lydia Hamann und Kaj Osteroth zitieren in ihrem großformatigen Aquarell „When I am  home alone I am the perfect example of a person“ explizit das Buch „Caliban and the witch“ von Silvia Federici und weitere feministische Texte, die dort als alltags- weltliche Bezugspunkte der eigenen Lebensform symbolisiert werden. Zum Auftakt des Abends werden mehrere großformatige Aquarelle/Malereien von Hamann/Osteroth und ihre Bezüge zu feministischen Theoretikerinnen und Künstlerinnen in Form eines Artist Talk vorgestellt.

Daran anschließend werden Künstlerinnen und andere feministische Aktivist_innen aus dem Berliner Umfeld dazu eingeladen, jeweils ein oder zwei feministische Bücher/Zeitschriften/Texte oder auch kurze Zitate mitzubringen und ihren Bezug dazu vorzustellen. Im Gespräch mit Künstlerinnen, Gästen und Publikum möchten wir sichtbar machen, was für die eigene feministische Sozialisation wichtig geworden ist. Welche Texte wurden in letzter Zeit wiederentdeckt und welche sind weiter weg gerückt? Welche Bezüge zu anderen Generationen von Feminismen gibt es?

In der Veranstaltung geht es um ein Gespräch über Bücher und Zitate, die jedoch nicht in theoretischen Inputs vorgestellt werden, sondern als Bezugspunkte und Aneignung für eine künstlerische und politische Praxis. Wie haben wir zu diesen Texten gefunden? Wann und mit wem wurden sie diskutiert? Bitte bringt Bücher/Zitate mit, die wir zu Beginn des Abends  auf einem Tisch auslegen und später gemeinsam besprechen wollen!

Gespräch in deutsch/englisch mit gegenseitiger Unterstützung für alle Teilnehmenden.


Lydia Hamann und Kaj Osteroth malen seit 2008  in Berlin als Künstlerinnenduo zusammen.  Sie haben ein dialogisches Malen entwickelt, das für sie künstlerische Praxis und radikale Geste ist und zugleich Auseinandersetzung mit der Kunst und der Rolle der Künstlerin. Sie erforschen mit ihrer Malerei Spielräume kollektiver Produktion, experimentieren mit Ansätzen aus queer-feministischer Theorie und den Visual Studies und produzieren kritisches Wissen.


[ # 3 ]  Di. 24. Nov. 2015 | 19:30 Uhr | Bar 19:00 | Eintritt frei


The Art of Getting Organized

In ihrer Auseinandersetzung mit einem länger zurückliegenden künstlerischen Projekt, versucht die Künstlerin Cornelia Sollfrank eine Art Aufarbeitung ihrer eigenen Vergangenheit. Die Lecture The Art of Getting Organized widmet sich rückblickend der Struktur des kollektiven Netzwerkes von Cyberfeministinnen „Old Boys Network“, sowie der eigenen Rolle darin. Im Unterschied zur Geschäftigkeit und dem Produktionsdruck beständig neues liefern zu müssen, gelingt hier rückblickend eine Wiederaneignung der eigenen Geschichte. Methodisch entdeckt Sollfrank für ihre Reflexion mit „The Tyranny of Structurelessness“ von Jo Freeman  einen kanonischen Text der zweiten Frauenbewegung von 1971 wieder, der Konflikte und Machtstrukturen in hierarchiearmen Gruppen analysiert. Ausgehend von der Lecture gibt es die Möglichkeit sich im Gespräch in ähnlichen Konstellationen wiederzuentdecken. Lecture und Gespräch in deutsch


Cornelia Sollfrank ist Künstlerin und Forscherin und lebt in Berlin, Celle und Dundee, Schottland. Nach einem klassischen Kunststudium widmete sich Sollfrank der Erforschung digitaler Technologien und deren ästhetischen und sozialen Implikationen. In ihrer Tätigkeit vereinen sich konzeptuelle und performative Ansätze zu forschender Praxis und schreiben praktische Theorie. 2011 hat Sollfrank ihre praxis-basierte interdisziplinäre Forschung an der Dundee University (UK) mit einem Doktorat abgeschlossen. Unter dem Titel 'Performing the Paradoxes of Intellectual Property' leistete sie einen Beitrag aus künstlerischer Sicht zu den Widersprüchen, die das Konzept des geistigen Eigentums mit sich bringt. Ihr laufendes Projekt Giving What You Don't Have (GWYDH) untersucht künstlerische Beiträge zu den Commons.

Jo Freeman, The Tyranny of Structurelessness: http://www.jofreeman.com/joreen/tyranny.htm


[ # 4 ]  Di. 08. Dez. 2015 | 19:30 Uhr | Bar 19:00 | Eintritt frei


FEMINIST STORIES OF MIGRATION

Margareta Kern‘s Arbeit „GUESTURES | GOSTIKULACIJE“, VIDEO, 2011 versteht sich als Teil eines umfangreicheren Archivs über Massen-Migration in Europa seit den 1960ern. Die Videoprojektion basiert auf unterschiedlichen Migrationsgeschichten von Frauen aus Ex-Jugoslawien, die in Berlin leben. GUESTures reinszeniert Geschichten, die auf Interviews der Künstlerin mit mehreren Migrantinnen basieren. Das Reenactment in dem minimalistischen, halb-fiktionalen Setting eines privaten Raums bewegt sich zwischen Dokumentation, Archiv, persönlicher Erinnerung und Fiktion. Die Veranstaltung mit der Künstlerin fragt danach, welche Bezüge zur eigenen Geschichte als Verhältnis zur Generation der Mütter hergestellt werden und wie darin eine feministische Perspektive auf Migrationsgeschichte sichtbar wird.


Screening und Talk in englisch


Margareta Kern (geboren 1974 Kroatien, lebt seit 1992 in London) bewegt sich mit ihrer künstlerischen Arbeit durch vielfältige soziale und politische Sphären. Kern verbindet ihr Interesse am dokumentarischen Bild mit Performance, Narration und Partizipation stellt aber auch Beziehungen zwischen Kunst und Aktivismus her.

Das Projekt GUESTures/GOSTIkulacije visualisiert die meist übersehene Geschichte von Frauen aus Ex-Jugoslawien die in den 1960/70ern nach WestBerlin emigrierten und entwirft damit zugleich Geschichte und Archiv von bislang ungehörtem wie auch in Clothes for Death/Odjeca za Smrt, die Frauen aus Kroatien und Bosnien zusammen mit den Kleidungsstücken zeigen in denen sie begraben werden wollen.


[ # 5 ]  Di. 15. Dez. 2015 | 19:30 Uhr | Bar 19:00 | Eintritt frei


FEMINISMUS IN TRANSFORMATIONSGESELLSCHAFTEN

Marina Grzinic (Lubljana, Wien) analysiert entlang Exzerpten ihrer Video-Arbeiten,  die in Zusammenarbeit mit Aina Smid entstanden sind  u.a. „Relations, 25 Years of the Lesbian Group SKUP-LL“ 2012 u. „Obsession“ (2008) die Transformationen der post-jugoslawischen Gesellschaft aus einer queer-feministischen Perspektive.

Der Dokumentarfilm „Relations, 25 Years of the Lesbian Group SKUP-LL“ Video, 2012 der Künstlerin und Theoretikerin Marina Grzinic  nimmt den 25.Geburtstag der lesbischen Gruppe SKUC-LL zum Anlass, die Geschichte der lesbischen Bewegung im früheren Ex-Jugoslawien zu erzählen. Es ist ein Projekt, das den Zustand der Bewegung und der LGBT Community im Verhältnis zu Politik, Ökonomie, Kunst, Kultur und rechtlichen Institutionen kontextualisiert. Der Film thematisiert aus dieser Perspektive die Geschichte des Neoliberalismus als brutalen Turbo-Kapitalismus, der mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus begonnen hatte, beschreibt dies aber auch als einen Teil der Geschichte der EU, zu der Slowenien seit 2004 gehört.

In der Abend-Veranstaltung mit der Theoretikerin und Video-Künstlerin Marina Grzinic  werden  Geschichte und Geschichten aus einer queer-feministischen Perspektive umgeschrieben und damit zugleich die Transformationsprozesse von Kunst, Gesellschaft und Theorie seit 1990 kritisch analysiert.


Lecture with film- excerpts and Artist Talk in english


Marina Grzinic Philosophin, Künstlerin und Autorin, geb. in 1958 Rijeka, lebt und arbeitet in Lubljana und Wien.Professorin der Akademie der Künste Wien. Seit 1982 tätig als Autorin, Kuratorin zu Videokunst. Erstellte in Kollaboration mit Aina Smid mehr als 30 Videos und Kurzfilme.


[ # 6 ]  TBA / Zeit + Ort werden noch bekannt gegeben


KÜNSTLERINNEN INTERNATIONAL

Die Installation „Sarah Schumann und Silvia Bovenschen 2012" von Michaela Melián portraitiert die beiden Feministinnen in der Rückschau auf die gemeinsam organisierte Ausstellung „Künstlerinnen International“ 1977. Die Künstlerin Melián  formuliert mit ihrer Arbeit eine Form von feministischer Genealogie, die als Bezugspunkte der eigenen Geschichte sichtbar gemacht werden.

In einem Gespräch mit der Künstlerin Melián (München) wird von der künstlerischen Arbeit ausgehend ein Gespräch über die Bedeutung feministischer Genealogien und der gesellschaftlichen Sichtbarkeit/Relevanz von Künstlerinnen kontextualisiert.

Im Dialog mit der Künstlerin Melián möchten wir Bedeutung und Nachwirkung der Ausstellung „Künstlerinnen international“ exemplarisch diskutieren und aktualisierend beleuchten, was feministische Perspektiven damals und heute sichtbar machen können.



Feminist Stories mit Unterstützung der Vierte Welt Kollaborationen,

Konzipiert und organisiert von Felicita Reuschling


Unterstützt aus Mitteln der Kulturförderung

Friedrichshain-Kreuzberg 2015




Die Reihe wird 2016 in Kooperation mit

alpha nova & galerie futura, Am Flutgraben 3 12435 Berlin fortgesetzt.

alpha-nova-kulturwerkstatt.de



Emma Hedditch/Laura Mulvey, Visual Pleasure And Narrative Cinema


Lydia Hamann/Kaj Osterroth "When I am home I am the perfect exsample of a person" u. "Streik aus der Küche"

Collage von Cornelia Sollfrank

Margareta Kern, GUESTures/GOSTIkulacije, Gordana


Marina Grzinic, Aina Smid, Obsession