Pressearchiv | Das Schweigen 3/2013 | Die tageszeitung | 25. März | tazplan


Fernsehen und schweigen

Zwei Jahre nach Fukushima entwirft die japanische Schauspielerin Ren Saibara ein Stück über das ruhige Verhalten nach der Katastrophe. "Das Schweigen" im Theater Vierte Welt sucht

Ursachen nicht in der japanischen Mentalit t, sondern in den Medien


"Pflaumenblüte, Wind, Meeresrauschen, Cäsium 137." Die Begriffe, die in schneller Abfolge  ber den Bildschirm flackern, sind Fragmente der Erinnerung an eine Katastrophe: Am 11. März 2011 kam es in drei Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi nach schweren Erdbeben und dem Tsunami zur Kernschmelze. Während die flimmernden Wortfetzen die Zuschauer verstören, verkriecht sich Ren Saibara unter einen selbst gebauten wei en Abstelltisch, das einzige Möbelstück auf der Bühne.

Die japanische Schauspielerin, die seit 2007 in Berlin lebt und arbeitet, ist die einzige Darstellerin in dem von ihr konzipierten Stück "Das Schweigen. Eine subjektive Untersuchung der Gr nde zu

schweigen", das im Theaterraum "Vierte Welt" in Berlin Kreuzberg Premiere hatte. "Ich war ganz zufällig Anfang März 2011 in Tokio zu Besuch. Trotz allem, was passiert war, fühlte ich mich sicher. Nur in direkter Umgebung des Atomkraftwerks sei es etwas gefährlich, hie es in den japanischen Medien. Und auch diese Gefahr werde nicht von Dauer sein."

Zurück in Deutschland erreichen Ren Saibara Nachrichten  ber Medienzensur, Entlassungen atomkritischer Wissenschaftler und Journalisten und  ber Zwangsrücksiedlungen in verstrahlte Gebiete. Sie beginnt an einer Gewissheit zu zweifeln, die sie bis dahin niemals in Frage gestellt hatte: "Ich hatte einfach Vertrauen in die japanischen AKWs und die staatlichen Maßnahmen im Katastrophenfall. Damit bin ich aufgewachsen."

Im Westen wurde nach Fukushima viel  ber die Ruhe und Gelassenheit der japanischen Bev lkerung nach den Ereignissen berichtet. Doch warum schwiegen die Menschen? Ren Saibara sieht die Ursachen daf r nicht in der japanischen Mentalit t oder in Shintoismus und Buddhismus begr ndet. F r die Schauspielerin und St ckentwicklerin wurde die japanische Gesellschaft nach dem Zweiten Weltkrieg  ber die Medien, und allen voran das Fernsehen,

ruhiggestellt.

Wenn sich Saibara im Laufe ihrer rund einst ndigen Performance nicht gerade  berrascht von der Katastrophe unter den Tisch verkriecht, steht sie kommentierend vor einer gro en Leinwand. Auf einer sehr gelungenen Computergrafik der K nstlerin Lea Nagano wechseln sich auf sechs Röhrenbildschirmen Bilder und kurze Filmsequenzen ab, die von verschiedenen Bereichen wachsender Fernsehmacht in Japan erzählen. Da ist zum Beispiel die Einspielung von Menschenmassen in Schwarz-Wei . Für welche Sache gehen sie wohl auf die Straße?

Ren Saibaras trockener Text aus dem Off: "Das ist keine Demonstration. In den fünfziger Jahren versammelten sich die Menschen auf öffentlichen Plätzen, um gemeinsam Fernsehereignisse zu schauen." An anderer Stelle kommentiert sie die japanischen Schwertkämpfer, die im Film einsam durch die Wälder reiten, um ihre Gegner einen Kopf kürzer zu machen, mit den

Worten: "Im japanischen Fernsehen kann man, wenn man von Zeit zu Zeit den Sender wechselt, 24 Stunden am Stück Samurai-Dramen sehen."

Oft denkt man bei diesen Einspielungen und ihrer Einordnung an Theorien zur Macht der Kulturindustrie. Die Menschen plappern  ber nichtige Fernsehfantasieereignisse und verstummen, wenn es um gesellschaftliche Fragen geht. Wo ist unter dieser medialen Decke

der Ausweg für politische Interventionen? Ren Saibara ist sicher, dass es ihn gibt. Heute gingen Menschen wieder auf die Stra e, um zu demonstrieren. Und auch bei ihr selbst habe sich etwas bewegt: "Nach Fukushima will ich nicht mehr schweigen."

JESSICA ZELLER