Dieser Text sind Vorüberlegungen zu WE DO IT not because we agree with it.


1. Pakistan, first contact  

Im März 2012 haben wir mit Sarmat Hussain, Pakistan Experte beim wissenschaftlichen Dienst des Bundestages, Pakistan bereist. Durch Herrn Hussain, ausgestattet mit der Aura des Bundestages, war es uns möglich,  quer durch die pakistanischen Eliten aus Politik, Wirtschaft, Armee, Bürokratie und Kunst mehr als 40 Interviews zu führen, die wir fast alle dokumentieren konnten ( Audio/Video).

Jenseits der Dämonisierung durch die endlose Reproduktion medialer Klischees vom gefährlichsten Land der Welt und den Einschreibungen der "Islam-Debatte" in die Aufmerksamkeits-Apparate der interessierten Öffentlichkeit, war die Intention unserer Reise und der daraus entstandenen Performance, Pakistan als Teil unserer gemeinsamen Gegenwart zu begreifen.

Unsere Recherche und Arbeit zu Pakistan war für uns eine erste Annäherung an Pakistan; eine Kontaktaufnahme jenseits der wohligen Selbstzufriedenheit und des Narzismus  des Westens (Demokratie + Menschenrecht) zu verbieten,  mit dem uns beständig erklärt wird, wer zu unserer Welt gehört (Der Demokrat) und wer Schurke (Paria) ist, wer als gescheitert (Failed) anzusehen ist und damit zur anderen Welt gehört, deren armselige Bewohner an den Grenzen zu unserer Demokratie aufzuhalten sind.

Positiv kann eine solche postkoloniale bzw. postimperiale Kontaktaufnahme  u. Ea. erst einmal nur als kommunikative Praxis des Gesprächs bestimmt werden in der wir die anderen durch uns und uns selbst durch den anderen kennenlernen.

So ein Gespräch setzt voraus, das wir darauf verzichten, die Embleme (Wahrzeichen) unserer Kultur als magischen "Knüppel aus dem Sack"  tanzen zu lassen, bis die anderen ihre "Schuld" bekennen. (In Grimms Märchen wird  der räuberische Wirt  mit kräftigen Schlägen des magischen Knüppel gezwungen, das gestohlene "Tischlein deck dich" und "Goldesel" wieder herausgeben ).


2. Die Anderen | Exempel Pakistan und das Nullsummenspiel der Bilder

Pakistan ist ein 1947 gegründeter Kunst-Staat mit 180 Millionen Einwohnern. Er ist Ergebnis von tief gehenden sozialen und politischen Verwerfungen, ethnischen und religiös motivierten Konflikten, politischem Kalkül und des Zufall im antikolonialen Kampf gegen das britischen Empire auf dem indischen Subkontinent. Es ist die einzigen Gründung eines Staates im 20. Jahrhundert, neben Israel im Namen einer Religion.

Historisch ist Pakistan erst einmal eine Idee im Geiste Europas (Nationalstaat). Die Grenzziehung ist, wie in Afrika, willkürlich durch einen Kolonialbeamten der britischen Krone vollzogen. Real besteht Pakistan aus fünf großen Nationalitäten mit eigenen Sprachen, Minderheiten anderer Volksgruppen nicht eingerechnet. Die Gründung gegen starke innere und äußere Widerstände  ist eine Katastrophe, sie kostet ca. 1,5 Millionen Menschen das Leben. Machtpolitisch zusammengehalten wird das Land bisher durch das, mit massiver Militärhilfe einher gehende, strategische Bündnis mit den USA, das Pakistan in die Rolle eines  Client State verweist. Dieses seit 1954 bestehende Bündnis basierte auf der geopolitischen Bedeutung des Landes im kalten Krieg und heute in der Sicherung der Energieversorgung des Westens, bzw. in der Sicherung des Nachschub für die willigen Truppen in Afghanistan. Nach einer kurzen parlamentarisch-demokratischen Blüte des Anfangs, wurde das Land immer wieder von Militärdiktatoren beherrscht. In den USA und in Großbritannien gibt es große, sehr gut ausgebildete pakistanische Minderheiten, die einen erheblichen Geldstrom zurück nach Pakistan fließen lassen. Im Zuge des Krieges gegen den Terror und der Finanzkrise sind viele Auslandspakistanis in ihre Heimat zurückgekehrt. Mit dem Niedergang des amerikanischen Empire emanzipieren sich die pakistanischen Eliten zunehmend und orientieren sich auf neue regionale Bündnisse mit der Türkei, Russland und China.

Im ländlichen Raums herrschen z.T. feudale Strukturen. Weite Teile des Landes sind vom Staat völlig vernachlässigt. Die Bevölkerung lebt in Parallelwelten, die man in historische Zeitzonen, zwischen dem 7. und 21. Jahrhundert, einteilen könnte. Es existiert weder ein akzeptables staatliches Schulwesen noch eine gesundheitliche Grundversorgung für die Mehrheit der Bevölkerung. Es gibt separatistische Bewegungen, fundamentalistisch motivierte Radikalisierungen und einen quasi Kriegszustand mit Indien (Kashmir). Die Sozialstruktur in den nördlichen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ist durch jahrelangen Krieg erodiert. Gleichzeitig lebt eine recht große, anglosächsisch orientierte Oberschicht völlig selbstverständlich und isoliert vom übrigen Pakistan im 21. Jahrhundert. Sie ist hervorragend ausgebildet und mit ihrem Business an den globalen Markt und in seine Verwertungsprozesse ein-, bzw. angebunden. Und so weiter…


Zusammenfassend kann gesagt werden, das Pakistan ein Exempel ist, für die Zonen des Krieges, Elends, Mauern und Chimären in der Welt. Es ist, die von uns aus dem angereizten Affekt heraus, als Schurke und Failed abgespaltene (andere) Realität .


Damit kann eine zweite Voraussetzung für ein Gespräch formuliert werden. Es geht nicht darum die Situation zu leugnen. Ganz im Gegenteil, es geht darum auf ihr zu bestehen und sie dabei als eine Gemeinsame anzuerkennen und sie als solche zu verhandeln.  

Tun wir dies, erscheint uns Pakistan als unsere eigene Zukunft (vergl. Navid Kermani) und Gegenwart. So könnten wir vielleicht die Ängste und unsere rein reaktiven Handlungskonzepte überwinden, die sich in der vagen Befürchtung begründen, das unsere wohlige und geschützte Welt von der anderen Welt gefressen wird, wie es der Philosoph Vilem Flusser als das Schicksal unserer Kultur formuliert.


Wollen wir dieses Gespräch wirklich eröffnen, dann müssen wir uns anstrengen und Wege suchen aus dem bipolaren Nullsummen-Spiel auszusteigen, das uns ständig nur erlaubt zwischen zwei Bildern hin und her zu switchen:  Dem Bild des Armen, der in Würde arm ist und dem Bild des würdelosen Elenden. Welches der beiden Bilder die Aufmerksamkket des demokratischen Individuum gewinnt ist Abhängig von seiner jeweiligen ideologischen Tagesgestimmtheit. Ist es das aufmunternde Bild des agilen Slumbewohners, der seinen Aufstieg in die Fabrik, ans Fließband meistert und das deprimierende Bild des elenden Slumbewohner , der sich die Lunge in der Fabrik mit irgend einem giftigen Staub todbringend ruiniert hat?  



3. Wir | Der einstürzende Himmel der Demokratie

Keineswegs neu, aber mit der Finanzkrise ist es augenfällig geworden, das unsere, vom Volks-Souverän ausgehende parlamentarische Demokratie, kulturell und symbolisch erodiert.  Der Markt entscheidet, die Politik managet die Entscheidungen um den Status Quo der kapitalistischen Verwertung zu sichern und das Privateigentum aufrecht zu erhalten. Angesichts der Eurokrise stellt sich nun sogar die Frage der Legitimation (Verfassung) unserer politischen Regimes. Während dessen haben die alten Diktaturen ausgedient, sie zeigen sich in ihrer Abschottung gegenüber einer globalen Ökonomie als dysfunktional, gleichzeitig sind Formen des autoritären Kapitalismus, im Zeichen eines nationalen konservativen Populismus auf dem Vormarsch. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden zu Naturverhältnissen erklärt. Der Kapitalismus hat sich in der Evolution durchgesetzt heißt es. Vielleicht braucht es die Demokratie, so wie wir sie kennen gar nicht mehr, nur noch die Polizei. Und je mehr die Erosion der Demokratie des Westens sichtbar wird, um so entschiedener wird nach der Polizei gerufen und werden heute bebend, wie ehemals bei den Kreuzrittern das Kreuz, die Embleme der westlichen Demokratie gegen den einstürzenden Himmel gehalten.

Wir ahnen, das wir tiefer in der Scheiße stecken als wir glauben.

Zonen wie Pakistan, sind für uns das Synonym für diesen einstürzenden Himmel in denen denen das Leben für uns unerträglich chaotisch, multidimensional oder willkürlich und zufällig verläuft. In denen Nichts und Alles im selben Moment möglich erscheint und Tod und Leben dicht beieinander liegen. Oder wie es einer unserer pakistanischen Interviewpartner ausdrückte: "There are no manners in this society … Du musst dich immer und in allen Bereichen des Lebens, auch in der Familie, der Situation anpassen, improvisieren und es ertragen, das Entscheidungen immer im letzten Augenblick getroffen werden, ansonsten zerbrichst du hier."

In Pakistan entdecken wir, eines der niemals vom Stapel gelaufenen, halbfertigen,  rotten Wracks der Fortschrittsmoderne nach 1945,  die von der Vision getragen war, unsere Modelle des Lebens und Wirtschaftens auf der ganzen Welt zu verbreiten. Und wir entdecken einen zukünftigen Menschen der es gelernt hat diese Multidimensionalität zu leben, in dem er jenseits von Gut und Böse in der Lage ist beständig neue Rollen einzunehmen – das Gesicht zu wechseln.


Und da bellt auch schon wieder der pawlowsche Hund: Was für ein Scheiß Land… Wir rufen: Schnauze!


Entschuldigung!


Dirk Cieslak | Berlin | 2012

In this world you either passionate or corrupt