Pakistan [does not] exist


Von Dirk Cieslak, Annett Hardegen und Ayat Najafi.


Eine Koproduktion von Ayat Najafi und Lubricat theatre company [at] Vierte Welt, Berlin.

Gefördert aus den Mitteln von Berliner Senat- Kulturelle Angelegenheiten- Interkulturelle Projekte und durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin - Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten.

Gefördert durch die Konzeptionsförderung des Fonds Darstellende Künste e.V. -aus Mitteln des Bundes.

Mit Unterstützung von Beaconhouse School Systems und der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit, Islamabad.


Darsteller Johannes Dullin | Ausstattung Sabina Moncys | Videoschnitt Schokofeh Kamiz

Mitarbeit/Recherche Sarmad Hussain |  Technik Florian Guist


Besonderen Dank für Ihre Unterstützung an ... [weiter]  


Wir sehen es täglich, die Welt ist ein Jammertal. Aber so abscheulich die News auch im Einzelnen sein mögen, bei den meisten Orten dieser Welt vermögen wir auf Vorstellungs-welten, Mythen oder Exotismen zurückzugreifen, die bei uns Träume und Fantasien stimulieren, oder wenigstens, das ein oder andere, vom Erlebnishunger getriebene Begehren reizen. Nicht so Pakistan.

Pakistan erscheint im Westen der Welt nur über sein mediales Branding: Das gefährlichste Land der Welt. Fluten, Erdbeben und Bombenanschläge, aufständische Separatisten und aufgebrachte Massen bärtiger Männer, brennende US Fahnen, übel gedemütigte Frauen, Präsidenten in Generalsuniform und politische Morde, Atombombentests, Kidnappings, Drohnenkrieg und Taliban - Osama Bin Laden’s Zuflucht und so endlos weiter...  Im Spiel der Politik des Krieges gegen den Terror - im Kreuzzug 2.0 - fungiert Pakistan als große Furcht- und Angstmaschine, die unser politisches Bewusstsein der unheilvollen Prinzipienlosigkeit des Affekts unterwirft. Und wo der Affekt regiert existiert auch kein belebtes Bild mehr. Die Gegenwart und Geschichte des Landes, das Leben von 180 Millionen Pakistanis verschwinden hinter einem neuen großen Fantasma der Angst, mit dem Namen Terror und Islam. Und die primitive Furcht legitimiert und treibt uns, die Sau raus zu lassen. Oder wie es Herr Daniel M. Kasuri, Executive Director der Beaconhouse Group und Ex-Banker in den USA, in Islamabad im Interview formuliert: 4.000 tote Amerikaner reichen aus, damit wir, von einem Tag auf den Anderen, 250 Jahre in der Geschichte der Aufklärung zurückfallen.

Es ist die Katastrophe, von der es heißt, dass wir alle schon darin leben. Aber uns hat die Katastrophe bisher nur in unseren Gefühls- und Aufmerksamkeits-Apparaten erreicht. In der Politik der ewigen Krise und der Angst und in den Erzählungen vom Kommenden Aufstand. Es heisst, und da sind sich alle einig, die realen -harten- Wirkungen stehen uns noch ins Haus. Der Bewohner des Westens träumt diese Katastrophe nur, wenn er im SUV- Panzer vom Büro heim fährt. In diesem Sinne ist Pakistan (auch) unsere Zukunft.


Blackbox Pakistan

Die Gründung des Staates Pakistan ist eine Posse aus dem Geist Europas. Ein britischer Kolonialbeamter zieht eine Linie auf einer Karte und erklärt sie zur Grenze zwischen Indien und Pakistan. Im selbstbewussten Gründungsakt Pakistans wird die Idee von einer neuen Humanität im Zeichen eines universalistischen Islam beschworen. Sie wird nach einem kurzen Frühling von den Zentrifugalkräften der verschiedenen ökonomischen, geopolitischen und lokalen Interessen in einem gesellschaftlichen Raum zwischen Feudalismus,  Traditionalismus, Tribalismus , Kolonialismus und Moderne, zerschreddert. Pakistan hat nie existiert.  Aber Pakistan existiert. Als beherrschter und unbeherrschbarer Raum im selben Moment. Als Schnittstelle in einer globalen Ökonomie und als Armenhaus. Als No-Go Area und politischer Raum hegemonialer und geopolitischer Interessen. Der anachronistische Raum Pakistan ist angefüllt mit disperaten Phänomenen, Ereignissen und Ökonomien, wir sollten ihn besser, als eine der Mutationen unserer gemeinsamen globalen Realität begreifen.

In Pakistan

Eine kleine Berliner Reisegruppe, Dirk Cieslak, Annett Hardegen und Ayat Najafi hat zusammen mit dem fünf jährigen Ari und in Begleitung von Sarmad Hussain, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag im März 2012 zwei Wochen Pakistan bereist. Was sie sehen und hören wird aus der Wahrnehmung des Jungen erzählt, sein Blick wird zum filmischen Leitmotiv in der Video-Installation. Unverblendet und selbstverständlich entdeckt er diese fremde Welt und bewegt sich in ihr, mit kindlicher Leichtigkeit. Kontrapunkt ist die Geschichte eines 82 jährigen Anwaltes und Philosophen, aus Lahore.

Im Blick des Westens erscheint Pakistan als ferner Ort chaotischer, gewaltsamer und katastrophischer Szenarien, mit schroffen Gegensätzen zwischen Armut und extremen Reichtum. In Pakistan [does not] exist wird versucht, diese Ferne zu überwinden und Pakistan als unsere gemeinsame Gegenwart zu erkennen.

Zwischen Video und Performance navigiert Johannes Dullin das Publikum mit absurdem Eigensinn durch die Erzählungen und das dokumentarische Material, indem er es kommentiert, wiederholt, weitererzählt, unterbricht und so das Publikum zu einer Reise durch sein ganz eigenes Pakistan einlädt.


Danksagung

Unsere Gesprächspartner in den Städten Karachi, Lahore und Islamabad waren in Ihrer Mehrheit Vertreter des pakistanischen Establishment, Politiker, Experten und Bürokraten, Geschäftsleute und Unternehmer, Mitarbeiter von NGO’s, Künstler und Journalisten und einige in Pakistan tätige deutsche Experten: [Unsere Interviewpartner]

Die auf dieser Reise entstandenen Video- und Audioaufnahmen bilden das Material für den Theaterabend: Pakistan [does not] exist. [Fotos/Reise]

Premiere: 11. September 2012