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Geld oder Gott


FREMDKÖRPER von AIAT FAYEZ


Vier Szenen, vier unterschiedliche Orte, vier Situationen, vier Fremdkörper. Hier wird überaus deutlich, dass das Fremde, der Andere und das Fremdsein keine Eigenschaften, kein Attribute sind, sondern Konstruktionen, die immer wieder entworfen, verfeinert und ausgebaut werden, um vor allem eines zu bewerkstelligen: den Anderen in seinem Status als Anderen festzuschreiben, ihn darin einzuklammern. Egal welches Angebot auf diesem Weg an den Anderen gemacht wird, um sich am liebsten in Überassimilation selbst auszulöschen, bleibt er doch, bei allen Versuchen es uns recht zu machen, immer der, der er ist: der Eindringling. Er oder sie gehört nicht zu uns und die einzige Antwort auf sein/ ihr Gesuch bleiben zu dürfen, ist das ewig wirkende Machtverhältnis zwischen uns zu erneuern. Die Bedingung, die der Andere auf sich nehmen muss, ist ein JA zu unserer Dominanz, seiner Entwürdigung und unserer Lust ihn/sie zu vernichten.

Denn bei aller Liebe, Offenheit und Toleranz wird der Andere eines niemals sein: einer von uns.






Zeitgenössische Dramatik im Gespräch


In Kollaboration mit dem henschel Schauspiel Theaterverlag stellen wir ca. alle 6 Wochen einen zeitgenössischen Theatertext vor.  

Im Zentrum dieser Reihe steht neben der Lesung v.a. das gemeinsame Gespräch über das, was zeitgenössische Dramatik über uns und die Welt, in der wir leben erzählt. Was beschäftigt den Dramatiker der Gegenwart, welche Themen u Fragen werden verhandelt und in welcher Form? Inwieweit sind zeitgenössische Theatertexte ein Spiegel unserer Zeit und unserer Welt? Welche Aspekte unseres hoch differenzierten Zusammenlebens werden ausgewählt und welcher Ausschnitt zu einer Erzählung transformiert? Gibt es eine spürbare kulturelle Differenz oder einen "globalen" Ton, der uns alle beschreibt und der uns alle anspricht? Wer oder was sind wir, welche Idee von Subjektivität und Menschsein ist in eine Dramatik der Gegenwart eingeschrieben? Haben wir ein gemeinsames Thema oder eine länderspezifische Beschreibung?




Picknick auf Golgatha von RODRIGO GARCIA


„Gott ist ein linguistischer Kunstgriff, und alles, was ich sage und was ich bis zum Ende des Stückes sagen werde, ist reine Schlaumeierei, die ich mir ausdenke, um auf dieser räudigen Erde halbwegs anständig über die Runden zu kommen"


PICKNICK AUF GOLGATHA ist eine Abrechnung mit der christlich-zivilisierten Welt. Der fallende Engel kann uns nichts mehr beibringen, alles Elend der Welt haben wir schon getan. Und dieses Elend haben wir theoretisiert, ästhetisiert, fetischisiert und in Museen konserviert. In der christlichen Ikonographie liegt der Grundstein für unsere Unfähigkeit irgendetwas anzufangen, unser Scheitern ist vorprogrammiert. Am Ende werden wir alle Sklaven sein.


Ein Gastspiel der Uraufführungs-Inszenierung von Garcia im Rahmen des Malta-Festivals in Poznan, Polen, wurde Ende letzten Monats abgesagt mit der Begründung: die öffentliche Sicherheit könne von der Polizei nicht mehr garantiert werden. Vorausgegangen waren Drohungen an Mitarbeiter und Demonstrationsaufrufe mit erwarteten 30.000 Teilnehmern [ Quelle: nachtkritik.de ].







DIE KUNDEN WERDEN UNRUHIG von JOHANNES SCHRETTLE


Die Freischaffende, die Führungskraft, der nervöse Kollege. Ein Ort, der sich der Situation anpasst: eine Hotellobby, die sich in einen Tagungsraum, in ein Hotelzimmer, in eine Hotelküche ... verwandelt. Der Text ein Doppel- wenn nicht ein Dreifachspiel zwischen allen Ebenen: Figuren, Darsteller und Erzählfiguren verhandeln mit und gegen das Spiel, gegen die Wirklichkeit, gegen die Kunst. Eingebettet in die Frage nach dem Verhältnis, das alles klären könnte, aber niemals klar ist. Jede Figur kann nicht nur sich selbst und die anderen erzählen, sondern eben auch die Differenz zu sich als Figur und als Darsteller darstellen. Gebunden ist der Abgrund einer totalen postmodernistischen Erzählung von Entgrenzung in die Idee des Unternehmens. Aber auch das beschränkt sich nicht darauf Gegenstand einer Erzählung zu sein, sondern entgrenzt sich in den Zuschauerraum und ist somit nicht nur Stellvertreter für die kapitalistische Lebenswelt, sondern ein strukturelles Prinzip des Textes, des Spiels, des Kunden, den wir alle darstellen und aller den Text durchkreuzenden Gedanken. Allerdings scheinen diese immer schon geborgt und hängen, wie die Darsteller im Raum fest. Am Ende ergeben alle Teile des Textes vor allem Eins: eine falsche Vorstellung von Wirklichkeit.






CONDOR UNLIMITED von Pieter de Buysser


Als Auftakt dieser Reihe lesen wir CONDOR UNLIMITED von Pieter de Buysser.

Condor UNLIMITED erzählt über die Unmöglichkeit, in unserer zivilisierten reichen westlichen Welt zu leben. Das Leben, das wir hier führen ist blutleer, ohne Bedeutung und Notwendigkeit. Und unser Wissen um alle Umstände versinkt in dieser Sinnlosigkeit. Entscheidungen können wir nicht mehr treffen, wir sind von zu vielen Möglichkeiten umgeben. Aber Fleur hat einen Plan. Sie will die unbewohnbare Insel verlassen; sie hat das Leben gewählt. Und um ihren Plan zu verwirklichen, hat sie für ihre Freunde Anke und Yves entschieden, dass sie ihr helfen müssen. Für einen kurzen Moment scheint es einen Weg zu geben, dem unwerten Leben zu entkommen.


Condor UNLIMITED zeichnet nicht mehr die Vereinzelung oder den Einsamen, sondern einen unentrinnbaren Zustand, indem wir als hyperindividualisierte Identitäten in reinen Konstrukten leben. Wir wollen darüber sprechen, in wie weit unser Leben eine Geschichte braucht, ob es eine Geschichte gibt, die uns trägt und erträgt, oder sind wir bereits so narzisstisch, unmenschlich geworden, dass jede Variation auf Geschichte nur noch als apokalyptisches Bild denkbar ist?


Minimale szenischen Vorgaben und Gesprächsleitung von Dennis Daniel u Annett Hardegen

#5 | Sonntag 07. Dezember 2014


PLAYBOY von Marijana Verhoef


Play⎮boy, der; < engl.- amerik >

[jüngerer] Mann, der aufgrund seiner wirtschaftlichen Unabhängigkeit vor allem sein Vergnügen lebt und sich in Kleidung sowie Benehmen entsprechend darstellt.  

Mariana Verhoef zeichnet nach, wie ein junger Mann zwischen serbischen Nationalismen und disyneyfizierten Fetisch-Konstrukten so etwas wie ein Geschäftsmodell zu leben behauptet. Ein Kreislauf aus Furcht und Gier. Eine Entscheidung zwischen dem Cholesterinspiegel und einem Platz in der Regierung. Eine Allegorie auf das Ergebnis der Suche nach Identität.





#6 | Dienstag 13. Januar 2015 | Einlass/Bar ab 19:00 | Beginn 20:00 Uhr | Eintritt frei


Als sechsten Text in dieser Reihe lesen wir: 


Betrunkene von Iwan Wyrypajew 


Der 1974 geborene Dramatiker ist bisher in Deutschland vor allem mit seinen Stücken "Juli" und „Sauerstoff“ bekannt geworden. Betrunkene ist musikalische Poesie und Gottes-Rauschen: „Nachts. Auf der Straße. Alle sind betrunken." Jeder ist Gott. Jeder ist ein Körper, ein Gefäß für den Geist Gottes. Gott spricht vor allem aus den Betrunkenen. Aus Paaren, Prostituierten, Männern aus dem mittleren Management. Der Rausch ist vor allem eine Geisteshaltung, eine Öffnung. Und: alles ist möglich, sogar die Erkenntnis, was der Sinn des Lebens ist: „Werdet so cool wie Gott, der keinen Schiss hat…"

Wir lesen mit Euch und prosten auf das neue Jahr!




Archiv

#4 | 07.November 2014

#3 | 18.Juli 2014

#2 | 13.Juni 2014

#1 | 9. Mai 2014

#7 + #8 | Sa. 30. Mai 2015 | Einlass/Bar 17:30 | Beginn 18:00 Uhr + 21:00 Uhr | Eintritt frei


Als siebten und achten  Text in dieser Reihe lesen wir: 


Lange Buchnacht 2015

Betrunkene Umarmung mit Texten von Iwan Wyrypajew


Der 1974 geborene Dramatiker ist bisher in Deutschland vor allem mit seinen Stücken "Juli" und „Sauerstoff“ bekannt geworden. Zur langen Buchnacht wird die Vierte Welt in Kollaboration mit dem Henschel Schauspiel Verlag die Reihe "Gott oder Geld" mit zwei Texten von Iwan Wyrypajew wieder fortsetzen. Im Zentrum dieser Reihe steht neben der gemeinsamen Lesung das Gespräch über das, was zeitgenössische Dramatik über uns und die Welt, in der wir leben erzählt. Gemeinsam lesen und sprechen heißt: alle sind eingeladen mitzutun.  


18Uhr - Eine "Unerträglich lange Umarmung" ist der Versuch, gegen die Plasteblase zu wirken, in der wir alle leben. Eine Suche nach dem Unterschied zwischen New York und Berlin. "Tief in mir drin verstehe ich, es ist alles so künstlich, so unecht, wie abkopiert, deshalb will ich mehr, mehr und mehr. Wie als wär ich hinter einer Scheibe, die man am liebsten einschlagen möchte, um an frische Luft zu kommen, echte Luft einzuatmen, echtes Leben zu haben." 



21Uhr - "Betrunkene" ist musikalische Poesie und Gottes-Rauschen: „Nachts. Auf der Straße. Alle sind betrunken." Jeder ist Gott. Jeder ist ein Körper, ein Gefäß für den Geist Gottes. Gott spricht vor allem aus den Betrunkenen. Aus Paaren, Prostituierten, Männern aus dem mittleren Management. Der Rausch ist vor allem eine Geisteshaltung, eine Öffnung. Und: alles ist möglich, sogar die Erkenntnis, was der Sinn des Lebens ist: „Werdet so cool wie Gott, der keinen Schiss hat…"


Wir lesen mit Euch und prosten auf die lange Buchnacht! Der Wodka steht kalt.