Zu Gast: KTB  critical theorie berlin | Humbold Universität


Zur Rekonstruktion und Aktualität der Theorie des autoritären Charakters



Von #hatespeech über #fakenews, Reichsbürgertum und Rechtspopulismus bis hin zum US-Präsidenten – die Weltlage scheint so sehr aus den Fugen geraten, dass sich kaum eine Debatte ihrem Sog entziehen kann. Dass zur Erklärung dieser Phänomene mehrere Ebenen der Analyse ineinandergreifen müssten, ist weitgehend unbestritten: Milieu und Herkunftsgeschichte der Beteiligten, die Struktur der Öffentlichkeit sowie Affektmuster und Urteilsformen dürften – neben vielen anderen Aspekten – eine Rolle spielen.

Mit der Theorie des autoritären Charakters beziehungsweise der autoritären Persönlichkeit ist, ausgehend von Arbeiten des Instituts für Sozialforschung und der University of California in den 1930er und 1940er Jahren, ein bis heute einflussreiches Paradigma entwickelt worden, um diese Dimensionen miteinander in Verbindung zu bringen. Umso mehr muss die Beobachtung irritieren, dass es gegenwärtig eher am Rand als im Zentrum des Diskurses zu operieren scheint.

Trifft diese Wahrnehmung überhaupt zu? Wenn ja: Welche Gründe kämen dafür in Betracht? Sind beispielsweise die tiefenpsychologischen Zutaten des Theoriestrangs aktualisierungsbedürftig bzw. aktualisierbar? Formen die Sozialisationsbedingungen von heute Subjekte, an denen das Konzept des autoritären Charakters vorbei geht? Was lässt sich andererseits möglicherweise nur (oder besonders überzeugend) unter Rückgriff auf Theorien an der Schnittstelle von Soziologie, Psychologie und Philosophie zeigen? Kurzum: Wie aktuell ist die Theorie des autoritären Charakters?

Diese und verwandte Fragen werden im Rahmen der Reihe „in Context“ des Lehrstuhls für Sozialphilosophie der Humboldt Universität zu Berlin am 8. Februar von und mit Oliver Decker (Leipzig), Jan Weyand (Erlangen) sowie Eva-Maria Ziege (Bayreuth) in der „Vierten Welt“ diskutiert werden.

Die Veranstaltung wird organsiert von Selana Tzschiesche und Jan-Philipp Kruse.




ARCHIV


30.11.17 | 18:00 - 21:00

Zurück zur Klassenfrage?

Soziologische Perspektiven auf den Erfolg der neuen Rechten


Die Diskussion um das Erstarken der neuen Rechten ist von einer starken Polarisierung gekennzeichnet: Die eine Seite erhebt den Vorwurf, dass die Vernachlässigung der sozialen Frage innerhalb des Diskurses der Identitätspolitik mitverantwortlich für Entstehung und Erfolg des Rechtspopulismus ist; die andere Seite verteidigt die Berechtigung der politischen Errungenschaften und theoretischen Einsichten, die im Zuge der jüngsten Emanzipationskämpfe gesellschaftlicher Minderheiten gewonnen wurden. Während die einen eine Rückkehr zur alten Klassenfrage fordern, halten die anderen diese Forderung für theoretisch unterkomplex und politisch fragwürdig.


In der Diskussion mit den Soziologinnen Cornelia Koppetsch und Silke van Dyk wollen wir der Frage nachgehen, ob und inwiefern der Begriff der Klasse für die soziologische Analyse und die politische Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten hilfreich ist. Kann der Aufstieg der neuen Rechten plausibel als Resultat eines "symbolischen Klassenkampfes“ der vom gesellschaftlichen Abstieg bedrohten Mittelschicht erklärt werden (vgl. Koppetsch 2017)? Muss eine „emanzipatorische und zeitgemäße Politik“ nicht von einer Analyse der „tatsächlichen Klassenverhältnisse“ (vgl. Dowling/van Dyk/Graefe 2017) ausgehen? Diese und ähnliche Fragen werden an diesem Abend adressiert und, unter der Moderation von Rahel Jaeggi, mit Cornelia Koppetsch und Silke van Dyk diskutiert.




30.06.17 | 17:00 - 19:30

Wendy Brown: Neoliberal Revolution and Apocalyptic Populism



In her latest book, Undoing the Demos, Wendy Brown has provided an analysis of neoliberalism not just as enforced market liberalization, but as a specific form of governmentality. Under the rule of neoliberalism, subjects and institutions are molded and re-invented according to the norms of homo oeconomicus. Reification-effects are thus not described as results of economic processes but as expressions of an encompassing episteme.

Brown already pointed to detrimental effects for democratic self-governance from the totalization of market-rationality. In the face of Donald Trump’s recent ascend to the White House, she extends her diagnosis. Far from a break with Neoliberalism, for Brown the „apocalyptic populism“ is a reaction which allows neoliberalism to absorb much of the rage it created. Insisting on a regressive notion of freedom as entitlement, it allows right-wing movements to foreclose alternatives to the capitalist order and divert resistance. Inadvertently however, this problematic constellation also points to the possibility of a broad alliance of emancipatory forces.Brown already pointed to detrimental effects for democratic self-governance from the totalization of market-rationality. In the face of Donald Trump’s recent ascend to the White House, she extends her diagnosis. Far from a break with Neoliberalism, for Brown the „apocalyptic populism“ is a reaction which allows neoliberalism to absorb much of the rage it created. Insisting on a regressive notion of freedom as entitlement, it allows right-wing movements to foreclose alternatives to the capitalist order and divert resistance. Inadvertently however, this problematic constellation also points to the possibility of a broad alliance of emancipatory forces.

We will discuss with Wendy Brown after responses held by Hannah Meißner and Rahel Jaeggi.

The event is moderated by Sabine Hark.



27.04.17 | 18:00 - 21:00

Soziale Ungleichheit, Rechtspopulismus und Anti-Genderismus.

Eine Diskussion mit Sabine Hark und Sighard Neckel


Im Rahmen der Reihe „Critical Theory in Context“ haben Sabine Hark, Professorin an der TU Berlin, sowie Leiterin des Zentrums für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung und Sighard Neckel, Professor für Gesellschaftsanalyse und Sozialer Wandel an der Universität Hamburg, am 27. April das Thema „Soziale Ungleichheit, Rechtspopulismus und Anti-Genderismus“ in der Vierten Welt mit vielen Interessierten diskutiert. mehr: Veranstaltung im Archiv critical theorie in context



Do. 16.02.17 | 18:00 - 21:00

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft

Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne


Organisation: Rahel Jaeggi & Isette Schuhmacher


„Die Moderne entwickelt sich weiter, aber gleichzeitig zurück." Wir befinden uns in Zeiten eines fundamentalen Wandels westlicher kapitalistischer Gesellschaften: Die ‚soziale Moderne‘, die für sozialen Aufstieg und Integration stand, ist vergangen und an ihre Stelle eine Gesellschaft des sozialen Abstiegs, der Prekarität, verschärfter Krisen und Konflikte getreten.

Oliver Nachtwey entwickelt in seinem jüngst erschienenen Buch diese These einer regressiven Modernisierung von Errungenschaften der sozialen Moderne. Dabei zeichnet er die Erosionsprozesse auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen eindrücklich nach und beschreibt, wie mit „Sozialstaat, Normalarbeitsverhältnis, und sozialem Aufstieg“ auch das demokratische Gemeinwesen mit seinem Versprechen auf soziale Teilhabe und Integration in seiner "Geltung ausgehöhlt“ werde. All dies mag uns nicht neu erscheinen. Auf bemerkenswerte Weise allerdings schildert Nachtwey eine Krise moderner Gesellschaften in ihrer Breite, ihren Auswirkungen auf das Entstehen neuer Protestbewegungen - dem ‚neuen Aufbegehren‘ - und reaktualisiert dabei ein Vokabular der frühen Kritischen Theorie, die ihrerseits ‚kapitalistische` Entwicklungen auf die ihnen eingeschriebenen regressiven Tendenzen hin befragt hat.

mehr: Veranstaltung im Archiv critical theorie in context

Organisation: Rahel Jaeggi & Isette Schuhmacher


Donnerstag 08.02.18  | 18-21 Uhr | Eintritt frei